Die Schiedsrichter-Affäre im DFB hat sich verschärft: Michael Kempter, das vorgebliche Opfer, hat in Interviews mit der FR und der Bild-Zeitung Manfred Amerell schwer belastet, indem er intime Details preisgab.

"Herr Amerell hat mich auch auf den Mund geküsst", sagte Kempter und betonte, alle Annäherungen abgewiesen zu haben: "Manchmal hat er nachts an meine Hotelzimmertür geklopft. Da habe ich schon nicht mehr aufgemacht. Am nächsten Morgen beim Frühstück war er beleidigt."

Amerell habe sich über Jahre hinweg sein Vertrauen erschlichen, um dies später auszunutzen. In den vergangenen zwei Jahren hätten sich Amerells Versuche gehäuft, ergänzte Kempter und beschrieb exemplarisch: "Erst nur mit Handauflegen auf den Oberschenkeln - und dann wanderte die Hand immer weiter, in die Hose, in den Genitalbereich."

Insgesamt habe es drei Vorfälle gegeben, zu Geschlechtsverkehr sei es aber nicht gekommen. Sein langes Schweigen erklärte Kempter mit der Angst vor einem Karrierebruch: "Doch als ich gemerkt habe, dass es noch mehrere Fälle gibt, habe ich mich durchgerungen, etwas zu sagen. Ich wollte auch andere, jüngere Schiedsrichter schützen."

Amerell hatte bislang alle Vorwürfe abgestritten, auch weil sie ihm nicht vom DFB mitgeteilt worden seien. Am 4. März wird sich das Landgericht München auf Initiative Jürgen Langers, Amerells Anwalt, mit dem Fall befassen.

Auch im Verband ist noch Ermittlungsarbeit nötig. Die Aufklärung des Falls wurde vom Vorsitzenden des Schiedsrichterausschusses, Volker Roth, verschleppt. Der 68-Jährige war von Kempter am 17. Dezember über mögliche Belästigungen durch Amerell informiert worden. Präsident Theo Zwanziger erfuhr von den Vorwürfen erst einen Monat danach; der für das Schiedsrichterwesen bis dahin zuständige Vizepräsident Rainer Koch noch später. Koch gab daraufhin aus Protest dieses Ressort ab.

Die Affäre offenbart strukturelle Probleme. Reinhard Rauball, den Präsidenten der Deutschen Fußball-Liga (DFL), hat die Ahnung beschlichen, dass es sich im deutschen Schiedsrichterwesen um einen "Geheimorden" handelt. Andere Ligavertreter sehen zu viel Macht auf zu wenige Personen konzentriert, selbst im DFB sprechen über das Schiedsrichterwesen manche hinter vorgehaltener Hand vom "Staat im Staate". Insider berichten, dass es zu wenig Kontrollmöglichkeiten gibt, den eventuellen Missbrauch von Macht zu verhindern oder wenigstens rechtzeitig zu erkennen. Eine Kommission ist nun eingesetzt worden, um Reformen voranzutreiben.

Es geht auch um Homosexualität im Fußball. Der DFB, der sich in Gestalt von Zwanziger müht, das Tabu zu brechen, zeigt nach Ansicht von Kritikern Probleme im souveränen Umgang mit Schwulen. Der homosexuelle Präsident des Zweitligisten FC St. Pauli, Corny Littmann, sieht jedenfalls Amerell als Täter und Opfer: "Er ist sicher das Opfer eines Verbandes, der große Probleme hat, mit der Sexualität seiner leitenden Funktionäre umzugehen."

Amerell, der Frau und Kinder hat, hat sich keineswegs geoutet - auch wenn er eine angebliche SMS von Kempter veröffentlichte, aus der man eine mehr als freundschaftliche Beziehung beider herauslesen kann. Der DFB dagegen sprach von "sexuellen Kontakten". "Musste das sein?", fragt Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.