Stimmt nicht. Jedenfalls liegt es nicht am Gleichschritt der Soldaten. Zwar ist es immer noch üblich, daß Kompanien beim Überqueren von Brücken "ohne Tritt" marschieren, jedoch gibt es keinen dokumentierten Fall, in dem eine Brücke durch die Resonanz der Tritte der marschierenden Soldaten derart in Schwingung versetzt wurde, daß sie einstürzte. Im englischen Broughton fiel am 14. April 1831 eine Hängebrücke in sich zusammen, als eine Kompanie darübermarschierte - aber das lag wohl eher am Gewicht der Soldaten.

Der vielleicht berühmteste Brückeneinsturz ist der Fall der Tacoma Narrows Bridge im US-Staat Washington. Diese Hängebrücke kollabierte am 7. November 1940, nur vier Monate nach ihrer Eröffnung. Im Volksmund war die Fehlkonstruktion schon vorher "galoppierende Gertie" genannt worden, weil sie zu unkontrollierten Schwingungen neigte. Am Einsturztag schließlich flatterte sie im Wind wie ein Papiermodell, was auch in spektakulären Filmaufnahmen festgehalten wurde.

Aber war dieser Einsturz ein Fall von Resonanz - wenn auch nicht durch im Gleichschritt marschierende Menschen? Jeder feste Gegenstand hat eine Eigenfrequenz, in der er am liebsten schwingt, sei es eine Gitarrensaite oder eben eine Brücke. Resonanz entsteht, wenn der Gegenstand von außen in genau dieser Eigenfrequenz zum Schwingen angeregt wird. Im Fall der Tacoma Narrows Bridge wird dies von einigen Physiklehrbüchern tatsächlich behauptet. Demnach hätten periodische Verwirbelungen des über die Brücke streichenden Windes genau die Eigenfrequenz der Konstruktion gehabt und so die Schwingung immer weiter aufgeschaukelt - mit dem bekannten katastrophalen Ausgang.

Im Februar 1991 erschien dazu ein Artikel im American Journal of Physics. Seither muß diese Ansicht als zumindest grob vereinfachend, wenn nicht sogar komplett falsch angesehen werden. Bezeichnenderweise stammt der Artikel von einem Ingenieur, der es den angeblich stets vereinfachenden Physikern offenbar einmal zeigen wollte. Ohne hier in die Details der komplexen Materie zu gehen: Der Autor zeigt, daß es unter den gegebenen Voraussetzungen keine periodische Anregung der Brücke gegeben haben kann. Vielmehr hat der Wind nur die Energie dazu geliefert, daß die Brücke sich selbst immer mehr in Schwingung versetzte und schließlich zusammenbrach. Keine marschierenden Soldaten und kein anderer rhythmischer Anstoß von außen waren dabei im Spiel.

Sollten also die Vorschriften, wie Truppen zu Fuß Brücken zu überqueren haben, gelockert werden? Wahrscheinlich sind sie wirklich unnötig. Aber man kann ja nie wissen. Christoph Drösser

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