Stimmt. Die Anregung für die Folge dieser Woche stammt von Leserin Yvonne Christ aus Berlin. Sie schreibt: "Ich halte das nämlich für ein Gerücht, weil ich nicht glaube, daß man damit das Vakuum ,herausbekommt'. Allerdings bin ich gerne bereit, meinen Irrtum einzugestehen, wenn mir jemand kompetent eine plausible Erklärung liefern kann." Also, Frau Christ: Sie bekommen nicht nur eine, sondern gleich drei plausible Erklärungen von kompetenten Fachleuten.

Erklärung Nummer eins: Die Gummidichtung des Deckels, etwa von einer Saftflasche, klebt am Rand des Glases fest. Durch den Ruck wird diese Verklebung gelöst, so daß der Deckel leichter abzudrehen ist. Das ist die Version von Tile Isensee von der Firma Schmalbach-Lubeca, Hersteller der "Wide Cap"-Drehverschlüsse.

Erklärung Nummer zwei: Das Füllgut im umgedrehten Glas drückt beim Draufschlagen den Deckel nach außen, so daß Luft eindringen kann und das Vakuum zumindest teilweise aufhebt. Dadurch lastet weniger Druck von außen auf dem Deckel, und er läßt sich leichter öffnen. So erklärt es Ulrich Nehring, dessen privates Institut als Speerspitze der konserventechnischen Forschung in Deutschland gilt. Der gleichen Meinung ist Thomas Carstensen vom Deckelhersteller Pano.

Erklärung Nummer drei stammt von Burkhard Lingenberg, der beim Glashersteller Gerresheimer arbeitet. Bei seiner Version wird durch den Schlag Sauerstoff frei, der zum Beispiel im Orangensaft gelöst ist. Dadurch wird der Unterdruck im Glas geringer, und der Deckel geht leichter auf. Das sei ein ähnliches Phänomen wie beim Schütteln von Mineralwasser- oder Sektflaschen - auch dabei steigt der Innendruck im Gefäß an.

Die beiden letzten Erklärungen unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt: Bei Version zwei dringt von außen Luft ins Glas, bei Version drei nicht. Laut Lingenberg ist der Prozeß auch wieder umkehrbar, sofern man das Glas nach dem Schlag nicht öffnet: So wie sich eine geschüttelte Sektflasche wieder beruhigt, kann sich auch das Vakuum im Konservenglas wiederherstellen. Wenn dagegen tatsächlich Luft eindringt, ist das Vakuum zumindest reduziert, und es besteht sogar die Gefahr, daß der Inhalt verdirbt. So soll es früher manchmal schon Probleme gegeben haben, wenn eine Palette mit Konservengläsern ein wenig unsanft vom Gabelstapler abgestellt wurde, berichtet Carstensen - ein Risiko, dem man heute begegnet, indem man ein höheres Vakuum im Glas erzeugt.

Fazit: Alle Experten sind sich einig, daß der Trick funktioniert, aber ihre Erklärungen widersprechen sich erheblich. Die Wissenschaft ist gefordert! Christoph Drösser

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