Immer wieder hört man die (meist süffisant vorgetragene) Behauptung, an Universitäten würden die meisten Bücher im juristischen und theologischen Fachbereich gestohlen. Stimmt das?

Thomas Ehring, Oxford

Fast jeder Bibliothekar ist mit diesem Spruch schon einmal konfrontiert worden. Aus Ihrer E-Mail geht nicht hervor, ob Sie vielleicht selbst an einer der beiden Fakultäten in Oxford arbeiten und Ihre Gesprächspartner deshalb so süffisant sind.

Mir liegen keine repräsentativen Zahlen über den Bücherschwund an Bibliotheken vor. Solche Statistiken werden nämlich nicht geführt. Auch der Deutsche Bibliotheksverband kann da nicht weiterhelfen - die großen Universitätsbibliotheken, in deren Magazinen Millionen von Bänden lagern, machen keine Totalrevisionen.

Trotzdem bin ich nach langer Suche zumindest auf ein paar Zahlen gestoßen, die den Schluss zulassen: Schuldspruch für die Juristen, Absolution für die Theologen.

Die Zahlen stammen aus dem Lesesaal der Unibibliothek in Münster. Dort steht zwar nur ein Bruchteil des Gesamtbestandes zum Ausleihen bereit, aber doch immerhin einige zehntausend Bücher. Und es werden tatsächlich regelmäßig alle fehlenden Bücher nach Fachbereichen registriert, im Schnitt alle zehn Jahre. Ergebnis: Während für die meisten Fachbereiche der Schwund im Bereich von einem Prozent liegt, kamen in einigen Fächern besonders viele Bücher abhanden: Informatik 4,6 Prozent, Wirtschaftswissenschaften 3,9 Prozent und eben Jura 3,3 Prozent. Bei den Theologen waren es nur 0,1 Prozent.

Den Grund für diese Unterschiede sollte man nun aber nicht darin suchen, dass die Juristen die schlechteren Menschen wären. Es hat schlicht mit der Studiensituation zu tun: In den

Rechtswissenschaften bekommen bei Klausuren und Examen alle Studenten dieselbe Aufgabe und müssen in kürzester Zeit alle auf dieselben Gesetzestexte und Kommentare zugreifen. Da liegt die Versuchung nahe, ein Buch zu entwenden oder es auch nur im Regal zu verstellen. In diesem Fall macht also nicht Gelegenheit Diebe, sondern der Prüfungsdruck. Christoph Drösser

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