Priesteramt auch für Frauen und Schwule – Seite 1

Als Pater Mertes , Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, in Halle C1 ans Mikrofon tritt, brandet tosender Applaus auf. Die Halle ist überfüllt. Gut 6000 Zuhörer sind zur Podiumsdiskussion über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche gekommen.

Mertes aber, der Anfang des Jahres mit den Missbrauchsfällen am Canisius-Kolleg an die Öffentlichkeit ging und so den Stein ins Rollen brachte, kommt erst einmal nicht weit. Vor dem Podium postiert sich Norbert Denef, Vorsitzender des Netzwerks "Betroffener von sexualisierter Gewalt e.V." und fordert wütend, die Veranstaltung abzubrechen. "Die Opfer haben wieder mal keine Stimme auf dem Podium", ruft er, blitzartig umringt von Kamerateams. Doch Mertes lässt sich nicht beirren. Und das, was er über die katholische Kirche zu sagen hat, dürfte vielen Kirchenvertretern nicht gefallen.

Unter den Gläubigen in der Halle löst Mertes dafür regelrechte Begeisterungsstürme aus. Der "unangemessene Umgang" der Institution mit den Opfern schmerze diese häufig noch mehr als die eigentliche Tat, sagt er. "Es kann nicht sein, dass von den Opfern erwartet wird, dass sie nett und freundlich sind und den Institutionen so Konflikte ersparen."

Es sind deutliche Worte, die Mertes da ausspricht. Missbrauch sei besonders schlimm, wenn er durch Priester geschehe. "Wenn jemand im Namen Christi Missbrauch begeht, dann ist das ein ungeheuerlicher Vorgang", sagt er. Die Kirche müsse sich endlich der Frage nach ihren Machtstrukturen stellen. Das zu tun sei im Übrigen auch "ganz katholisch." Nur so sei Prävention möglich. "Wo immer ein kritisches Wort als Nestbeschmutzung gilt, da rieche ich Machtmissbrauch", ruft Mertes aufgeregt. "Wir haben in den vergangenen Jahren in der Kirche einen Personenkult entwickelt, den ich für missbrauchsfördernd halte." Das Publikum tobt jetzt beinahe. Der Pater hat einen Nerv getroffen.

Einen Nerv trifft auch der katholische Theologe und Psychologe Wunibald Müller, der als nächster spricht. Er fordert, das Priesteramt für Frauen zu öffnen. "Es muss die Frage erlaubt sein, ob die katholische Kirche mit dem Thema sexueller Missbrauch anders umgegangen wäre, wenn auch Frauen in verantwortlichen Positionen etwas zu sagen hätten." "Bravo"-Rufe aus dem Publikum, auch als er über homosexuelle Priester spricht. "Wir müssen davon ausgehen, dass der Anteil der sexuell Unreifen unter den schwulen Priestern besonders hoch ist, und diese anfällig dafür sind, sexuellen Missbrauch zu begehen." Es komme nicht in Frage, Homosexuelle nicht mehr zu Priestern zu weihen. "Die Kirche müsste dann auf wunderbare homosexuelle Priester verzichten. Wir müssen endlich anerkennen, dass homosexuelle Gefühle nicht weniger wertvoll sind als heterosexuelle." Es erntet viel Applaus und einige ungläubige Blicke von Gläubigen.

Nun kommt Stephan Ackermann zu Wort, der Missbrauchbeauftragte der katholischen Kirche. "Ich bin doch ziemlich erschrocken über den Verlauf der Veranstaltung", setzt er an. "Ich habe den Eindruck, dass die Opfer aus dem Blick geraten. Jetzt geht es hier plötzlich um Kirche, um Kirchenpolitik." Pfiffe und Buhrufe aus dem Publikum, "Ablenkung!" schreit einer. Man müsse doch über Prävention sprechen, sagt Ackermann. "Ihr sollt mal über Eure Strukturen sprechen", ruft ein junges Mädchen, das auf dem Boden sitzt.

Ackermann, der bei öffentlichen Auftritten immer so aussieht, als würden die vielen Menschen ihn ganz fürchterlich erschrecken, hat hier einen schweren Stand. Die Gläubigen wollen klare Worte, keine Ausflüchte und keine leeren Phrasen, keine Beschwichtigungen, das ist ganz offensichtlich. Doch Ackermann kann das nicht bieten. Auf die Frage nach finanzieller Entschädigung reagiert er verhalten und verweist auf den Runden Tisch der Bundesregierung. Über die neuen Leitlinien der Bischofskonferenz sagt er: "Wir arbeiten solide daran, es brennt uns unter den Nägeln." Während andere Katholiken fundamentale Veränderungen fordern und auch benennen können, wünscht sich Ackermann "eine repressionsfreie Gesprächskultur in der Kirche."

Deutliche Worte findet bei der Diskussion die bayerische Justizministerin Beate Merk. Sie fordert eine Verlängerung der Verjährungsfristen und dass Missbrauch als "das ins Strafgesetzbuch aufgenommen wird, was es ist: ein Verbrechen, nicht ein Vergehen." Die Entschädigungssummen für Opfer nennt sie "lächerlich".

Stärker im Vordergrund der Diskussion standen die Opfer am Vorabend. Von ebenfalls etwa 6000 Zuhörern verfolgt, ging es um das Thema "Sexueller Missbrauch als gesellschaftliches Problem". Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, diskutierte darüber mit Ursula Enders von der Opferberatungsstelle Zartbitter in Köln, der Traumatherapeutin Sabine Hufendieck, der ehemaligen Familienrichterin Christa Seeliger und dem Opferberater Christoph Fleck.

In ihrem Impulsreferat sprach sich Christine Bergmann dafür aus, Kinderrechte in die Verfassung aufzunehmen, die Fortbildung in pädagogischen Berufen zu stärken und ein umfassendes Hilfs- und Präventionsprogramm aufzubauen. Es sei erschütternd, wie stark die erlittenen Taten das Leben von Missbrauchsopfern beeinflussten. "Das liegt auch daran, dass weder die Gesellschaft noch die Institutionen etwas von dem Thema hören wollten und Hilfe verweigerten. Das ist doppeltes Unrecht."

Die Opferberater erzählten aus der Praxis. Sabine Hufendieck sprach von einer "wahnsinnigen Unterversorgung". Berater würden schlecht bezahlt, es gebe kaum noch feste Stellen. Ursula Enders beklagte den Mangel an Therapieplätzen und sofortigen Hilfen. "Die Situation ist so, als würde ein Kind auf der Autobahn angefahren und erst 14 Tage später versorgt." Sie forderte, dass die Kirche die Beratungsstellen unterstützt statt eine Meldepflicht an die Staatsanwaltschaft einzuführen und sich so "freizukaufen." "Die Kirche wälzt die Probleme auf die Opferberatungsstellen ab." Unterstützung bekam sie von Christine Bergmann: "Es kann nicht sein, dass ein Großteil der Arbeit ehrenamtlich geleistet wird. Es hat keinen Sinn, darüber zu reden, wie schrecklich alles ist und dann festzustellen, dass kein Geld da ist."

Auch die Justiz ist gefordert

Düster klang, was die ehemalige Familienrichterin Christa Seeliger vom Umgang der Justiz mit Opfern zu erzählen hatte. Das Thema sexueller Missbrauch werde unter den Teppich gekehrt und die Hilfe für Opfer hänge oft von der finanziellen Situation der Kommunen ab. Es sei außerdem immer noch ein großes Problem, dass Erwachsene Kindern nicht glaubten und dass geständige Täter mit Milde rechnen könnten, weil sie den Kindern durch ihr Geständnis die Aussage vor Gericht ersparten. Seeliger schlug Ombudsmänner und -frauen vor, die außerhalb der Institutionen stünden und einen Fonds, der versuche, sich das Geld von den Tätern zurück zu holen. Enders forderte, die Kirche wegen unterlassener Hilfeleistung und dadurch entstandenen weiteren Opfern zur Rechenschaft zu ziehen. Seeliger und Enders bekamen dafür eine Menge Applaus.

Auf dem Kirchentag war aber auch Platz für Themen, die in der öffentlichen Debatte bisher wenig Resonanz finden. Unter dem Titel "Das Schweigen der Männer" diskutierte man am Freitagabend in kleinerem Rahmen über die spezifische Situation männlicher Opfer sexueller Gewalt. Auch wenn es bei der Veranstaltung in erster Linie um Geschlechterkonstruktionen ging, die Opfern das Reden erschweren, kam auch an diesem Abend wieder die Forderung auf, die katholische Kirche solle ihre Strukturen ändern. "Wer versucht hat, zu reden, stieß bisher häufig auf eisiges Schweigen", sagte der Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Hans Willner. Anwalt Burkhard Göpfert, Ombudsmann der Diözese München und Freising, ergänzte: "Es muss aufhören, dass diejenigen, die gegen Missbrauch vorgehen, als Nestbeschmutzer gelten. Ich weiß von vielen, die einfach mal wieder in ihrer Gemeinde in den Gottesdienst gehen wollen. Aber die kriegen oft keinen Fuß mehr durch die Tür."

Einigkeit herrschte in den vielen Diskussionen auf dem Kirchentag in einer Frage: Die große öffentliche Debatte ist positiv. Sie schärft das Bewusstsein aller, ermutigt die Opfer, sich zu Wort zu melden und bringt die Kirche und andere Institutionen dazu, sich mit sexuellem Missbrauch auseinander zusetzen. Alles andere bleibt angerissen: Wird die katholische Kirche ihre Strukturen überdenken und ändern? Wird sie Geld für die Opfer bereitstellen? Wenn ja: wie viel? Wird der Staat die Prävention stärken und die Hilfs- und Betreuungsangebote ausbauen? Was muss sich im Rechtssystem ändern, um die Strafverfolgung auszuweiten und gleichzeitig die Opfer zu schützen? Sollen die Verjährungsfristen verlängert werden? Brauchen wir härtere Strafen für Täter und verbriefte Kinderrechte? Was muss sich in der Gesellschaft ändern, damit weiterer Missbrauch verhindert wird und die Opfer leichter sprechen können über das, was ihnen widerfahren ist? Die Debatte über Missbrauch, die Folgen und die Prävention steht offenbar erst am Anfang.