Es gibt Menschen, die schon sehr früh etwas mit ihrem Leben anzufangen wissen – ich nenne sie Überzeugungstäter. Sie steigen aktiv in die Politik ein, planen ihre Karriere als Journalist oder ergattern prestigeträchtige Projekte. Der Preis für diese Karriere nach Plan: Auf ziemlich alles zu verzichten, was diesem Ziel abträglich sein könnte.

Viele wissen früh, für welche Ziele sie sich anstrengen. Sie büffeln, um ein 1,0-Abitur zu machen und einen Medizinstudienplatz zu bekommen. Oder sie tragen mit 14 Jahren schon drei verschiedene Zeitungen aus, um sich mit 18 den lang erträumten BMW zu leisten.

Es gibt aber auch Menschen wie mich, die lange nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen. Was nicht heißt, dass ich keine Interessen hätte. Ganz im Gegenteil. Ich habe schon immer viele Dinge sehr gerne und mit Leidenschaft getan. Gitarre gespielt oder Gedichte geschrieben, Bücher gelesen oder Statistiken über Ozonwerte geführt. Aber so richtig zum Überzeugungstäter wurde ich nie.

Zwei Gründe gibt es dafür: Zum einen habe ich mich zufällig immer nur für die Dinge interessiert, die eher schlecht geeignet sind, um damit eines Tages meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das demotiviert. Zum anderen wollte ich nie so recht akzeptieren, dass man sich unbedingt auf ein oder zwei Dinge festlegen muss, um es darin zu etwas bringen zu können. So sehr ich andere für ihre Zielstrebigkeit bewunderte, so sehr habe ich sie auch immer ein wenig bemitleidet. Wie kann man nur so einen eingeschränkten Horizont haben?, habe ich mich immer wieder gefragt.

Ob die anderen nun beneidens- oder bemitleidenswert sind – jedenfalls konnte ich nicht so leben wie sie. Also habe ich mich zu Schulzeiten Tag für Tag betrunken oder anderweitig in den Weltraum geschossen, ein paar Lieder geschrieben und mir allein oder mit anderen zusammen die Frage gestellt, was es mit dem Leben auf sich hat.

Wie ich mein Abitur geschafft habe, verstehe ich bis heute nicht. Danach habe ich den Hausmeister in einem Altenpflegeheim gespielt, um daraufhin zwei Jahre in einer riesigen Fabrik Industrieventilatoren zusammenzubauen. Nie war mir dabei wirklich langweilig, alles hatte – neben den Nachteilen – auch seine Vorzüge.

Als mein Vertrag bei der Firma nicht verlängert wurde, musste ich mich entscheiden, wie es mit meinem Leben weitergehen sollte. Ich habe mich dann entschlossen, Philosophie zu studieren. Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Was ich werden will? Womit ich mein Geld verdienen will? Ich weiß es noch immer nicht so recht. Ich will es aber auch nicht wissen. Ich bin überzeugt davon, dass es für Typen wie mich in dieser Welt einen Platz gibt. Überzeugungstäter sind wichtig für unsere Gesellschaft. Aber nicht minder wichtig sind Menschen wie ich, die sich über Sinn und Unsinn der Taten und Überzeugungen der anderen Gedanken machen.