Das Plagiatoren-Ranking – Seite 1

Wer heute eine Dissertation schreibt, wird jedes Anführungszeichen doppelt überprüfen. Seit Karl-Theodor zu Guttenberg als Plagiator enttarnt wurde, wird ein Politiker nach dem anderen des Abschreibens überführt. Aktuell bangt Annette Schavan um Titel und Karriere.

Zwar galt schon immer: Wo Wissenschaft gemacht wird, da wird voneinander abgeschrieben. Doch in den Arbeiten, auf die sich Plagiatsjäger auf Internetplattformen wie Gutten- oder VroniPlag stürzen, geht es um mehr: Mal werden seitenweise fremde Gedanken als eigene Erleuchtungen ausgegeben, mal wird statt aufwändiger Primärquellen-Recherche auf Sekundärliteratur zurückgegriffen – natürlich, ohne etwas davon zu erwähnen.

Doch es wäre ungerecht, alle Plagiatoren in einen Topf zu werfen. Zwischen Guttenbergs Komplettkopie und Althusmanns Flüchtigkeitsfehlern liegen Welten. Wir bieten einen Überblick über die Plagiatsaffären der letzten Monate: Wer hat wie viel geschummelt? Wie kam's heraus? Und welche Folgen hatte das für den Plagiator?

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Karl-Theodor zu Guttenberg: Der 94-Prozent-Plagiator

Karl-Theodor zu Guttenberg: Der 94-Prozent-Plagiator

Beruf/Amt:

2009 Bundesminister für Wirtschaft und Technologie; 2010 bis 2011 Verteidigungsminister

Dissertation:

"Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU" (Rechtswissenschaften, Uni Bayreuth)

Erstellungszeitraum: 1999 bis 2006
Veröffentlichung: 2009
Plagiatanteil laut GuttenPlag : 94 Prozent

Tätigkeiten im Verfassungszeitraum:

Seit 2002: Mitglied im Bundestag und im Kreisrat des Kreistags Kulmbach

Ab 2005: Vorsitzender der CDU /CSU Bundestagsfraktion im Auswärtigen Ausschuss und Sprecher der CDU/CSU-Fraktion für Abrüstung, Nichtverbreitung und Rüstungskontrolle

Aufdeckungsgeschichte:

12. Februar 2011: Der Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano entdeckt erste Plagiatsstellen , während er die Arbeit für eine Rezension liest. Fischer-Lescano informiert die Universität Bayreuth und die Gutachter Peter Häberle und Rudolf Streinz. Außerdem wendet er sich an zwei Redakteure der Süddeutschen Zeitung (SZ).

16. Februar 2011: In der SZ erscheint ein Artikel über Fischer-Lescanos Vorwürfe und eine erste Stellungnahme Guttenbergs.

17. Februar 2011: Eine anonyme Person gründet die Online-Plattform GuttenPlag-Wiki. Sie macht Guttenbergs Dissertation der Öffentlichkeit zugänglich und ermöglicht es jedem Internetnutzer, nach abgeschriebenen Stellen zu suchen. Vier Tage später veröffentlicht GuttenPlag-Wiki einen Bericht, in dem 271 Plagiatsstellen dokumentiert sind. Am gleichen Tag bittet Guttenberg die Universität Bayreuth um Rücknahme seines Titels.

Reaktion der Universität:

16. Februar 2011: Auf Fischer-Lescanos Hinweis veranlasst Diethelm Klippel, Ombudsmann der Kommission "Selbstkontrolle in der Wissenschaft" der Universität Bayreuth, eine Prüfung der Dissertation Guttenbergs.

23. Februar 2011: Nach einer vorläufigen Prüfung erkennt die Universität Guttenberg den Doktorgrad ab . Am 1. März gibt Guttenberg seinen Rücktritt vom Amt des Verteidigungsministers bekannt.

5. Mai 2011: Die Kommission veröffentlicht einen endgültigen Bericht, in dem sie Guttenberg vorsätzliche Täuschung vorwirft. Begründung: "Die Kommission vermag nicht nachzuvollziehen, dass jemand, der über Jahre Quellen für seine Dissertation bearbeitet, derart in einen Zustand der Dauervergesslichkeit gerät, dass ihm die allerorten in seiner Arbeit nachweisbaren Falschangaben vollständig aus dem Bewusstsein geraten."

Jorgo Chatzimarkakis: Der 72-Prozent-Plagiator

Jorgo Chatzimarkakis: Der 72-Prozent-Plagiator

© Karlheinz Schindler /​ dpa

Beruf/Amt:

Seit 2004: Mitglied des Europäischen Parlaments

Dissertation:

"Informationeller Globalismus – Kooperationsmodell globaler Ordnungspolitik am Beispiel des Elektronischen Geschäftsverkehrs" (Politikwissenschaft, Uni Bonn)

Erstellungszeitraum: 1994 bis 2000
Veröffentlichung: 2000
Plagiatanteil laut VroniPlag : 72 Prozent

Tätigkeiten im Verfassungszeitraum:

1995 bis 1996: Leiter des Bundestagsbüros von Staatsminister Helmut Schäfer
1996 bis 1998: Im Planungsstab des Auswärtigen Amtes
1997: Lehrauftrag im Fachbereich Europapolitik an der Universität Duisburg
1999 bis 2004: Geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung polit data concept

Aufdeckungsgeschichte:

Mitte Mai 2011: VroniPlag gibt bekannt, auf mindestens einem Fünftel der Seiten von Chatzimarkakis' Dissertation Plagiate gefunden zu haben. Chatzimarkakis bittet daraufhin die Universität Bonn , seine Arbeit zu untersuchen.

Reaktion der Universität:

16. Mai 2011: Die Philosophische Fakultät der Universität kündigt an, die Plagiatsvorwürfe gegen Chatzimarkakis zu überprüfen.

13. Juli 2011: Die Universität entzieht Chatzimarkakis den Doktorgrad. Einer Mitteilung der Universität zufolge hatten die Gutachter in der Dissertation zahlreiche Textpassage aus anderen Werken gefunden, die nicht als "wörtliche Übernahmen gekennzeichnet" gewesen waren. Außerdem habe sich bei der Untersuchung gezeigt, dass mehr als die Hälfte des Textes "aus fremden Federn" stamme und deshalb "nicht den Anforderungen an eine Doktorarbeit" genüge.

22. März 2012: Eine Klage von Chatzimarkakis gegen die Aberkennung seines Doktortitels wird vom Kölner Verwaltungsgericht abgewiesen .

Veronica Saß: Die 54-Prozent-Plagiatorin

Veronica Saß: Die 54-Prozent-Plagiatorin

© Johannes Simon/​Getty Images

Beruf/Amt: 

Seit 2009 Rechtsanwältin in der Kanzlei Raupach & Wollert-Elmendorff in München
Tochter des CSU-Politikers Edmund Stoiber

Dissertation :

"Regulierung im Rundfunk" (Rechtswissenschaften, Universität Konstanz)

Einreichung: 2008
Veröffentlichung: 2009
Plagiatanteil laut VroniPlag : 54 Prozent

Tätigkeiten im Verfassungszeitraum:

2005: Abteilung Recht und Regulierung beim Mobilfunkkonzern O2
2007: Wechsel zur Rechtsanwaltskanzlei Leisner Zehentmeier & Kollegen in München

Aufdeckungsgeschichte:

5. April 2011: Saß' Dissertation ist die erste Arbeit, die von VroniPlag überprüft wird. Die Betreiber nennen die Seite nach dem Spitznamen der Rechtsanwältin. In einer Pressmitteilung schreiben sie, von "anonymer Seite konkrete Hinweise" auf die Plagiatsstellen erhalten zu haben.

Ende April 2011: Plagiatsjäger tragen auf der Plattform 190 verdächtige Stellen zusammen

Reaktion der Universität:

14. Februar 2011: Die Universität Konstanz erfährt von dem Plagiatsverdacht und veranlasst eine Überprüfung der Arbeit.

10. Mai 2011: Der Promotionsausschuss des Fachbereichs Rechtswissenschaften kommt zu dem Ergebnis , "dass erhebliche Teile der Arbeit Plagiate darstellen" und entzieht Saß den Doktortitel.

Margarita Mathiopoulos: Sie kämpft um ihren Titel

Margarita Mathiopoulos : Sie kämpft um ihren Titel

Beruf/Amt:  Honorarprofessorin für US-Außenpolitik und Internationale Sicherheitspolitik an der Universität Potsdam
Beraterin von Guido Westerwelle

Dissertation : "Amerika: Das Experiment des Fortschritts – Ein Vergleich des politischen Denkens in Europa und in den USA" (Philosophie, Uni Bonn)

Einreichung: 1986
Veröffentlichung:1987
Plagiatanteil laut VroniPlag : 47 Prozent

Tätigkeiten im Verfassungszeitraum:

1985 bis 1987: Kommunikations- und Marketing-Managerin beim IT- und Beratungsunternehmen IBM

Aufdeckungsgeschichte:

1989: Andreas Falke, damals Mitarbeiter in der amerikanischen Botschaft in Bonn und heute Professor für Auslandswissenschaften an der Universität Erlangen, weist in einer Rezension auf nicht gekennzeichnete Textübernahmen in Mathiopoulos Werk hin. Kurz darauf berichtet auch der Spiegel über den Plagiatsverdacht. Die Universität Bonn setzt eine Gutachterkommission ein .

1991: Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass die Arbeit zwar "handwerklich mangelhaft" sei, Mathiopoulos jedoch "in gutem Glauben gehandelt" habe, ein Täuschungsverdacht also zu "verneinen" sei. Die Gutachter entscheiden, dass die Dissertation trotz der Zitierfehler "eine originelle These" vertrete, und stellen die Untersuchung ein.

April 2011: Plagiatsjäger von VroniPlag nehmen sich der Dissertation an.

Juni 2011: Die Betreiber melden in einem Bericht, dass sie "mehr als 380 Textübernahmen auf über 130 Seiten aus Werken anderer Autoren gefunden" hätten, die "als Plagiate einzustufen" seien.

Reaktion der Universitäten und Rechtsstreit

Mai 2011: Der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn untersucht die Arbeit erneut.

April 2012: Die Universität beschließt, Mathiopoulos den Titel abzuerkennen. Die FDP-Politikerin klagt vor dem Kölner Verwaltungsgericht gegen die Entscheidung. Sie bestreitet die Plagiatsvorwürfe. Bis das Gericht entschieden hat, darf sie ihren Titel weiter führen.

Mai 2012: Die Universität Potsdam kündigt an, ihr die Honorarprofessur entziehen zu wollen , in dem Fall, dass ihr der Doktortitel entzogen wird.

Silvana Koch-Mehrin: Die 34-Prozent-Plagiatorin

Silvana Koch-Mehrin: Die 34-Prozent-Plagiatorin

© Sean Gallup /​ Getty Images

Beruf/Amt: 

FDP-Politikerin; seit 2004 Mitglied des Europäischen Parlaments

Dissertation :

"Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik" (Philosophie, Uni Heidelberg)

Einreichung: 2000
Veröffentlichung: 2001
Plagiatanteil laut VroniPlag : 34 Prozent

Tätigkeiten im Verfassungszeitraum:

1994 bis 1995: Stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen
1999 bis 2011: Mitglied im FDP-Bundesvorstand und Vorsitzende der Auslandsgruppe Europa der FDP

Aufdeckungsgeschichte:

12. April 2011: Die anonymen Betreiber der Online-Plattform VroniPlag Wiki teilen mit , auf 20 Seiten von Koch-Mehrins Dissertation mangelhaft gekennzeichnete Textpassagen gefunden zu haben.

11. Mai 2011: VroniPlag-Nutzer finden in der Dissertation weitere 36 Seiten mit Plagiaten.

11. Mai 2011: Koch-Mehrin legt ihre Ämter als FDP-Vorsitzende im Europäischen Parlament, als Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und als FDP-Präsidiumsmitglied nieder.

Reaktion der Universität:

12. April 2011: Der Promotionsausschuss der Universität Heidelberg beginnt, die Vorwürfe der VroniPlag-Betreiber zu überprüfen.

15. Juni: Die Universität entzieht Koch-Mehrin den Doktortitel . Als Begründung gibt der Ausschuss an, auf rund 80 Seiten der Arbeit Plagiate gefunden zu haben. Diese stammten der Universität zufolge aus über 30 verschiedenen Publikationen, von denen zwei Drittel nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt wurden.

Bernd Althusmann: Der Doch-Nicht-Plagiator

Bernd Althusmann: Der Doch-Nicht-Plagiator

Beruf/Amt:

seit 2010 Niedersächsischer Kultusminister; seit 2011 Präsident der Kultusministerkonferenz

Dissertation:

"Prozessorganisation und Prozesskooperation in der öffentlichen Verwaltung – Folgen für die Personalentwicklung" (Betriebswirtschaft, Uni Potsdam)

Einreichung: 2007
Plagiatanteil laut ZEIT -Analyse : 30 Prozent (von den Gutachtern der Universität Potsdam nicht als Plagiat, sondern als formale Mängel eingestuft)

Tätigkeiten im Verfassungszeitraum:

1994 bis 2009: Abgeordneter im Niedersächsischen Landtag

Aufdeckungsgeschichte:

6. Juli 2011: Die ZEIT berichtet , in Althusmanns Arbeit 88 mutmaßliche Plagiatsstellen entdeckt zu haben.

Reaktion der Universität:

Anfang Juli 2011: Die Universität Potsdam lässt die Vorwürfe prüfen.

27. Juli 2011: Die Universität gibt in einer Pressemitteilung bekannt, dass die erste Prüfung die "Verdachtsmomente nicht hinreichend ausgeräumt" habe. In einem weiteren Untersuchungsverfahren soll die Dissertation weiter geprüft werden.

1. Dezember 2011: Die Gutachter kommen zu dem Ergebnis , dass die Dissertation zwar formale Mängel, aber keine Plagiatsverstöße beinhalte.

Annette Schavan: Die Überhaupt-Plagiatorin?


Annette Schavan: Die Überhaupt-Plagiatorin?

Beruf/Amt:

Seit 2005 Bundesministerin für Bildung und Forschung

Dissertation:

"Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung" (Erziehungswissenschaften, Uni Düsseldorf)

Einreichung:1980
Plagiatanteil laut schavanplag : 28 Prozent (laut Rohrbacher-Gutachten: 17 Prozent)

Tätigkeiten im Verfassungszeitraum:

1975 bis 1984: Kommunalpolitikerin in Neuss

Aufdeckungsgeschichte:

2. Mai 2012: Eine Person mit dem Pseudonym Robert Schmidt schickt an mehrere Medien ein Fax, in dem er auf den neu gegründete Internetplattform schavanplag hinweist. Auf der Internetseite teilt der Blogger mit, auf 56 Seiten von Schavans Dissertation Plagiate gefunden zu haben. Schavan bittet die Universität Düsseldorf, ihre Arbeit zu untersuchen.

Reaktion der Universität:

14. Oktober 2012: Der Spiegel berichtet von einem geheimen Gutachten der Universität Düsseldorf, das Schavan vorsätzliche Täuschung vorwirft. Der Gutachter, Stefan Rohrbacher, habe in der Arbeit insgesamt 60 plagiierte Textstellen gefunden. Schavan erfährt erst aus den Medien von dem Gutachten.

17. Oktober 2012: Wissenschaftler streiten darüber , ob Schavans Arbeit überhaupt ein Plagiat darstellt oder lediglich die Standards von vor 30 Jahren widerspiegelt. Der Universitätsausschuss berät weiter über den Fall.