Bislang war die Doktortitel-Welt klar geregelt: Stellt eine Kommission fest, dass der Autor seine Dissertation von anderen abgeschrieben oder Daten gefälscht hat, entzieht sie ihm den akademischen Grad. Der Rechtswissenschaftliche Fachbereich der Uni Münster aber hat damit nun gebrochen. Er hat einer Absolventin eine "Rüge" erteilt wegen "grober Verstöße gegen die Grundsätze guter wissenschaftlicher Arbeit" in ihrer Dissertation. Eine kreative, aber unhaltbare Entscheidung.

Auf den Fall in Münster hatte zunächst die Internetplattform Vroniplag aufmerksam gemacht. Wie aus dem Fachbereich zu hören ist, habe die heutige Richterin – nennen wir sie N.N. – in ihrer Promotionsschrift von 2006 tatsächlich nicht sauber gearbeitet: Zwar habe N.N. bei Übernahmen von Fremdautoren die Quellen stets angegeben. Es sei aber durchweg nicht ausreichend deutlich, in welchem Umfang sich die damalige Doktorandin an den Werken anderer bedient hat: mit nur ein, zwei Sätzen oder womöglich ganzen Absätzen? Der Leser bleibt im Unklaren, wie weit die eigene Autorschaft nur vorgetäuscht ist.

Laut Promotionsordnung gibt es für derlei Fehlverhalten nur eine Strafe: die Aberkennung des Titels. So hart wollten die Münsteraner Rechtsprofessoren dann aber wohl nicht sein. Der Doktortitel bleibt offiziell bestehen, wohl aber sprach das Gremium eine Rüge aus.

Das gab es hierzulande nach bisherigen Kenntnissen noch nie und ist gleich aus mehreren Gründen eine durchaus heikle Angelegenheit:

Erstens gibt es für diese Form der Strafe keinerlei Berechtigung. "Für eine Rüge fehlt es bislang an einer Rechtsgrundlage", sagt der Vorsitzende der Kommission für gute und schlechte wissenschaftliche Praxis an der Universität Bayreuth, Stephan Rixen. Er kennt keine deutsche Promotionsordnung, die eine Rüge vorsieht. Dabei müsste Rixen es wissen: Er hat sich wegen des Plagiatsfalls Guttenberg an seiner Uni tief in die Materie eingearbeitet. 

"Es wird Sand ins Auge des Betrachters gestreut"

Zweitens ist fraglich, was solch ein erhobener Zeigefinger letztlich bringt. Schon jetzt steht fest: Für N.N. bleibt die Entscheidung dienstrechtlich folgenlos, da sie nicht mehr zur Hochschule gehört.

Und drittens weiß niemand, dass es sich bei dem betroffenen Werk um eine fragwürdige Doktorarbeit handelt. "Es wird Sand ins Auge des Betrachters gestreut", sagt der Münchener Rechtsprofessor und Plagiatsexperte Volker Rieble. Betrogen bleibt am Ende das Lesepublikum, das der Dissertation nach allen Regeln der Kunst vertraut. Oder kurz: "Rüge vergeht, Doktor besteht", wie Rieble sagt.

Die Fakultät hat ihre Entscheidung nicht publik gemacht. Erst auf Nachfrage von ZEIT ONLINE hat sie den Fall bestätigt. Besagte Richterin könnte nun gegen die Rüge klagen, unterließ es aber bislang offenbar. Ein möglicher Grund: Ihr Fall würde öffentlich, ihr Ruf mitunter geschädigt. Auf Fragen von ZEIT ONLINE hat sie bislang nicht geantwortet.

Der Fall trifft den Kern einer länger andauernden Debatte: Soll es weiterhin nur das Entweder-Oder geben – der Autor darf den Doktortitel behalten oder nicht? Oder braucht es abgestufte Strafen für dürftige Dissertationen, weil die mangelhafte Kenntnis guter wissenschaftlicher Praxis nicht mit bewusstem Plagiieren gleichzusetzen ist?