Abitur? Brauchen wir nicht. Wie ein Bauarbeiter, ein Koch und eine damalige Teenie-Mutter trotzdem an die Uni kamen. Drei Geschichten vom Neuanfang

Erst einmal arbeiten: Das ist der Grund, warum viele sich gegen das Abitur entscheiden. Häufig reichen aber auch die Noten nicht, oder die Motivation fehlt. Wer nach ein paar Jahren doch noch studieren möchte, hat aber gute Chancen – auch ohne Hochschulreife kann der Sprung an die Uni gelingen.

Knapp 40.000 Studenten ohne Abitur gab es 2012 an deutschen Hochschulen. Zehn Jahre zuvor waren es nur rund 13.000. In den Bundesländern hat sich viel getan, um den Zugang zu erleichtern. Seit dem vergangenen Jahr ist nun mit Brandenburg auch im letzten Bundesland dieser Weg geöffnet worden.

Drei Studenten erzählen ihren Weg:

"Ich wollte nicht von Sozialhilfe leben und eine Ausbildung ernährt keine drei Kinder"

In der neunten Klasse wurde ich schwanger und musste das Gymnasium mit einem Hauptschulabschluss verlassen. Danach habe ich mich um mein Kind gekümmert. Einen Abschluss oder eine Ausbildung habe ich erst einmal nicht gemacht. Ich habe geheiratet, noch zwei Kinder bekommen und mich um sie gekümmert. Später wurde mein Mann krank und ich habe ihn gepflegt, bis er an Krebs gestorben ist.

Damals war ich 29 Jahre alt. Mir war klar: Jetzt ist es Zeit für einen Neuanfang. Ich wollte nicht von Sozialhilfe leben und mit einer Ausbildung ernährt man keine drei Kinder. Deshalb wollte ich studieren – und zwar Mathematik. 

Für die Zulassung habe ich die sogenannte Z-Prüfung gemacht. Die muss man in Niedersachen für ein Studium ohne Abi ablegen, wenn man eine Berufsausbildung gemacht oder – wie in meinem Fall – sich um Kinder gekümmert hat. Üblicherweise geht man erst zu einem rund zehnmonatigen Kurs, der zum Beispiel von der Volkshochschule angeboten wird. Damit bekommt man die Zulassung zur Prüfung an der Universität. Der Kurs bereitet einen aber nicht inhaltlich auf die Prüfungen vor. Das muss man eigenständig machen. Dafür habe ich monatelang nachts Mathematik gepaukt und tagsüber Vollzeit in einer Familieneinrichtung gearbeitet. Und am Ende habe ich es tatsächlich geschafft.

Im Studium habe ich anfangs nur Bafög bekommen, was sehr eng war, später habe ich als studentische Hilfskraft gearbeitet. Das Studieren war trotz Kindern kein Problem. Meine Kleinste habe ich in den ersten Semesterferien geboren. Dafür war es natürlich schwierig, Kontakt zu Kommilitonen aufzubauen. Mittags habe ich eben nicht in der Mensa gegessen, sondern zu Hause Mittagessen gekocht.

Durch das fehlende Abitur entstehen auf jeden Fall Lücken. Die ersten zwei Semester sind die schwierigsten. Da muss man wirklich sein Leben an der Hörsaaltür abgeben und richtig hart arbeiten: Sich durchbeißen, nicht einschüchtern lassen und kämpfen. Es wird dann aber schnell besser. Gleichzeitig verfolgen mich die Lücken heute noch. Ich stolpere über Dinge, wo man mir sagt: Wieso, war doch Abiturstoff.

Gerade habe ich meine Dissertation beendet und ein Buch über das Thema veröffentlicht. Jetzt suche ich mir einen Job, würde aber gerne an der Uni bleiben. Im Nachhinein wäre es natürlich leichter gewesen, wenn ich wie alle anderen auch normal zur Schule gegangen wäre: Alles schön der Reihe nach. Aber das Leben geht nicht immer einen geraden Weg.