"Die Arroganz vieler Ghostwriter empört mich" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Hartmer, Ghostwriter werben auf Google und Facebook dafür, Studenten ihre Abschlussarbeiten zu schreiben – 20 Seiten gibt es ab 1348,35 Euro. Wie kann das sein?

Hartmer: Das ist das Ergebnis einer Mischung von frecher Unverfrorenheit auf Seiten der Anbieter, einer bedenklichen akademischen Pfuschmentalität bei zu vielen Studierenden und fehlender Kontrollmöglichkeiten durch die Hochschulen. Es gibt eine Lücke, die die Hochschulen allein nicht schließen können. Seit der Guttenberg-Affäre ist einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass es ein nicht zu vernachlässigendes Qualitätsproblem bei Abschluss- und Qualifikationsarbeiten gibt. Wenn es dabei um Plagiate oder Datenfälschung geht, müssen die Hochschulen mit diesem Problem selbstverständlich selbst fertig werden. Qualitätssicherung ist ihre originäre Aufgabe. Bei von Ghostwritern verfassten Qualifikationsarbeiten sind sie aber weitgehend machtlos.

ZEIT ONLINE: Warum?

Hartmer: Weil diese Arbeiten fachlich zumeist nicht zu beanstanden sind. Prüfer können die Arbeiten fachlich beurteilen, aber wie sollen sie erkennen, ob ein Prüfling seine Arbeit tatsächlich selbst geschrieben hat? Da hat die Hochschule einfach zu wenig Kontrollmöglichkeiten. Die Prüfer können nur Verdacht schöpfen, wenn sie den Prüfling fachlich sehr gut einschätzen können. Bei Doktorarbeiten kann man das vielleicht noch erwarten. Bei Bachelor- und Masterarbeiten in den Massenfächern ist das nahezu unmöglich.

ZEIT ONLINE: Der Deutsche Hochschulverband fordert ein Gesetz gegen akademisches Ghostwriting. Wie stellen Sie sich das vor?

Hartmer: Wir wollen den neuen Straftatbestand des Wissenschaftsbetrugs einführen. Danach soll das Verfassen einer Qualifikationsarbeit für einen Dritten mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft werden können. Die Schattenwirtschaft des zumeist gewerbsmäßigen Ghostwritings hat sich nicht zuletzt dank der bisherigen Straffreiheit breitmachen können.

ZEIT ONLINE: Im Grundgesetz heißt es: "Forschung und Lehre sind frei". Wollen Sie, dass Staatsanwälte und Richter entscheiden, was gute und was schlechte Forschung ist?

Hartmer: Nein. Die Freiheit der Forschung und Lehre soll davor schützen, dass der Staat lenkend in die Wissenschaft eingreift. Das wird er nicht, wenn er diese Art der Täuschung unter Strafe stellt.

ZEIT ONLINE: Ihr Vorschlag wurde vom Bundesjustizministerium abgelehnt, das Bildungsministerium will sich auf unsere Anfrage dazu nicht äußern. Können Sie sich das erklären?

Hartmer: Ja. Als Jurist kann ich die Bedenken durchaus nachvollziehen. Einen neuen Straftatbestand in das Strafgesetzbuch aufzunehmen, ist stets eine Herkulesaufgabe. Natürlich wollen auch wir das wissenschaftliche Leben nicht kriminalisieren. Ich sehe gleichwohl nur zwei Möglichkeiten: Entweder man muss den Wissenschaftsbetrug in das Strafgesetzbuch einfügen – oder mit den dreisten Ghostwritern und den von ihnen munitionierten Täuschern leben.

ZEIT ONLINE: Viele Ihrer Kollegen lehnen ein Ghostwriting-Verbot ab. Wolfgang Löwer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft sagte uns: "Das ist wie mit dem Berufsverbot für Zuhälter – auch wenn man das Gewerbe verbietet, die Geschäfte gehen unter der Hand weiter."

Hartmer: Das überzeugt mich nicht. Ich glaube an die abschreckende Wirkung einer solchen Regelung, sowohl beim Ghostwriter als auch beim Täuscher. Der Anstiftung zur Täuschung würde damit die Grundlage weitgehend entzogen. Außerdem kann es nicht die Haltung der Universität sein, diese schwerwiegende Form des wissenschaftlichen Betrugs achselzuckend hinzunehmen.

ZEIT ONLINE: Es gibt 2,7 Millionen Studenten in Deutschland. Selbst wenn sich einige Tausend davon ihre Arbeiten kaufen – richten die einen so großen Schaden an, dass wir ein neues Gesetz brauchen?

Hartmer: Ja, wobei niemand weiß, von welchen Größenordnungen auszugehen ist. Die Tendenz scheint jedenfalls steigend zu sein. Wissenschaft steht für Unparteilichkeit und Redlichkeit. Das Vertrauen in die Wissenschaft wird durch Ghostwriting erschüttert. Das ist ein immenser gesellschaftlicher Schaden. Der Staat hat gegenüber der Wissenschaft eine hegende und schützende Funktion. Er sollte alles tun, um dieser Pflicht nachzukommen.

ZEIT ONLINE: Wir haben für einen Artikel in der aktuellen ZEIT-CAMPUS-Ausgabe mit mehreren Leitern von Ghostwriting-Agenturen gesprochen. Unser Eindruck ist: Die haben keine Angst vor Ihrem Gesetzesvorschlag – sondern höchstens davor, dass Sie die schriftlichen Hausarbeiten abschaffen.

Hartmer: Natürlich könnte man den Anteil der schriftlichen, externen Arbeiten verringern. Aber das erscheint unverhältnismäßig. Sie sind seit Jahrhunderten Teil der Universitätskultur. Und um jede schriftliche Prüfungsleistung flächendeckend durch zusätzliche mündliche Prüfungen bestätigen zu lassen, bräuchten wir die doppelte Prüferkapazität – die haben wir nicht. Ein Hochschulstudium ohne umfassende schriftliche Leistung kann ich mir im Übrigen kaum vorstellen.

Darf ich meine Arbeit von einem Freund lesen lassen?

ZEIT ONLINE: Gehen wir davon aus, Sie kriegen Ihren Straftatbestand. Werden dann auch Professoren kriminalisiert, die sich Texte von Mitarbeitern schreiben lassen?

Hartmer: Nein, da muss man differenzieren. Es ist ein Unrechtsunterschied, ob ich in der Wissenschaft unredlich arbeite oder ob ich mir einen beruflich relevanten Abschluss mit Hilfe externer Dritter erschleiche. Man wird nicht mit einem Straftatbestand jedes wissenschaftliche Fehlverhalten erfassen können. Zudem ist auch nicht jedes wissenschaftliches Fehlverhalten strafrechtlich relevant.

ZEIT ONLINE: Wenn ich keine Ghostwriting-Agentur nutze, aber meine Arbeit von einem Freund lesen lasse, der mir ein paar inhaltliche Anregungen gibt – wäre das nach Ihrem Gesetz schon strafbar?

Hartmer: Für eine Prüfungsarbeit müssen Sie eine eigenständige Leistung erbringen. Wenn Sie Ihre Doktorarbeit intensiv mit Ihrem Papa besprechen, der Anwalt ist, dann geht das eigentlich nicht. Trotzdem würde ich sagen: Wo kein Kläger, da kein Richter. Der Spaß hört auf, wenn Papa nicht nur Anwalt ist, sondern einen Referendar hat, der Ihnen einen Teil der Arbeit schreibt. Aber Sie sehen: Es ist schwierig, eine genaue Abgrenzung herbeizuführen. Eine Grauzone des Strafbaren und des wissenschaftsethisch Unvertretbaren werden Sie nicht ausschließen können.

ZEIT ONLINE: Man könnte sagen: Sie fordern ein unscharfes Gesetz aus Verzweiflung.

Hartmer: Ich fordere kein unscharfes Gesetz. Es gibt immer Auslegungsnotwendigkeiten von Strafnormen, dafür gibt es die Jurisprudenz. Und von Verzweiflung würde ich auch nicht sprechen. Die einen sagen, man könne nichts machen. Wir sind der Meinung: Man sollte und kann auch was machen.

ZEIT ONLINE: Ist das eine Frage der Problemwahrnehmung? Sie betrachten Ghostwriting als großes Problem, andere Wissenschaftsverbände als kleines?

Hartmer: Ich sehe es so: Die einen wollen es hinnehmen und die anderen nicht. Jeder, der unseren Vorschlag nicht unterstützt, soll mir bitte sagen, wie er dem Problem zu Leibe rücken will. Nichtstun ist keine Alternative.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich alleingelassen mit Ihrem Anliegen?

Hartmer: Nein, in solchen Kategorien denke ich nicht. Mir ist es wichtig, gegen korrupte Machenschaften etwas zu unternehmen. Mich empört die dreiste Arroganz vieler Ghostwriter. Wenn sich in der Öffentlichkeit der Eindruck durchsetzt, man könne sich einen Hochschulabschluss oder eine Promotion kaufen, dann können wir den Laden zumachen.

Wer sind die Ghostwriter? Wie schützen sie sich? Was planen sie als Nächstes? Das steht im "Ghostwriter-Report" in der aktuellen Ausgabe von ZEIT CAMPUS, die es seit dieser Woche am Kiosk gibt, bei iTunes und bei Google Play