Sein Vater guckt Motorsport, seine Mutter "Das perfekte Dinner" und unser Autor liest Adorno. Seit Beginn seines Studiums leidet er an akademischer Überheblichkeit.

Wenn ich abends mal wieder ein Gespräch mit meinem Vater führe und ich ihm in einer Sache widerspreche, entgegnet er oft: "Das ist Lebenserfahrung!" Lebenserfahrung? Das kann ich als Argument nicht gelten lassen, schließlich hat jeder irgendeine Lebenserfahrung. Und so geht die Diskussion dann meistens weiter.

Statt Erfahrung zählen für mich Wissen und Fakten. Lebenserfahrung wird mir in der hart umkämpften Arbeitswelt, in die mich die Uni bald ausspucken wird, nicht weiterhelfen. Deswegen lautete zu Beginn des Studiums mein Credo: Wissen ansammeln! Lesen, diskutieren, Vorträge anhören, noch mehr lesen. Darauf kommt es an, dachte ich. Darauf war ich stolz, dadurch fühlte ich mich intellektuell. Wie naiv.

Durch das Studium hat sich das Verhältnis zu meinen Eltern geändert. Früher habe ich meinen Vater immer als jemanden gesehen, der viel weiß. Der mir die Welt erklären kann, der sich mit Geschichte, Politik und Wirtschaft auskennt. Inzwischen ist es eher anders herum. Ich beschwere mich über sein undifferenziertes Marx-Verständnis und meine, ihm die Bedeutung von Adornos Schriften erklären zu müssen. In Diskussionen reibe ich ihm politische Theorien von Thomas Hobbes bis Kenneth Waltz unter die Nase. Und vor Kurzem ließ ich mich dazu hinreißen, ihm eine bornierte Sicht auf den Kapitalismus vorzuwerfen. Er fand das nicht so lustig.

Seit Beginn des Studiums wähne ich mich in einem intellektuellen Höhenflug. Die Wahrheit ist allerdings: Ich bin krank geworden. Die Krankheit würde ich als akademische Hybris bezeichnen. Dass ich "Hybris" statt "Überheblichkeit" sage, ist natürlich eines der Symptome.

Meinen Übermut bekommen meine Eltern oft genug zu spüren. Das endet nicht selten im Streit. Ich bedauere das. Aber wen wundert's? Schließlich verkehre ich mittlerweile nicht mehr im schulischen Gebrüll, sondern in erlesenen universitären Kreisen. Statt Wechselwirkung heißt es jetzt Reziprozität. Statt "Das ist doch klar!" heißt es jetzt "Das erscheint mir evident". Unser Professor schoss den Vogel ab, als er vor Weihnachten sagte: "Ich wünsche Ihnen einen positiven Geschenkeaustausch." Kumpel nennen sich mittlerweile Kommilitonen, und ebenso kultiviert ist auch der allgemeine Umgangston: Schluss mit den dümmlichen Penis-Witzen von früher und dem gemeinsamen Anschauen von peinlichen YouTube-Clips. Stattdessen bilden wir in Freistunden akademische Zirkel, um über die Auslegung des Kommunistischen Manifests zu streiten. Ich gehe jetzt ins Theater, trage Bücher von Franz Kafka in meiner Jackentasche herum, höre Charles Mingus und Charlie Parker. Meine Eltern können mit all dem nicht viel anfangen. Über sie, die Kulturbanausen, schüttle ich nur den Kopf. Genauso wie sie über mich.

Wenn zu Hause gerade mal wieder Das Perfekte Dinner, Dschungelcamp oder Germany's Next Topmodel (ich habe eine jüngere Schwester) läuft, dann schreite ich meistens ein und halte ungefragt einen Vortrag über den Niedergang des Fernsehens und unserer Gesellschaft im Allgemeinen. Die anderen Familienmitglieder lassen das meist über sich ergehen und ringen sich zu einem Lächeln durch.