Unser Autor wäre lieber Wissenschaftler geworden, aber verlor das Vertrauen in Universitäten. Er sagt: Abschlussarbeiten werden nicht geschrieben, um gelesen zu werden.

Dieser Text ist eine Reaktion auf die ZEIT-CAMPUS-Recherche "Der Ghostwriter-Report":

Ich arbeite seit über zehn Jahren als akademischer Auftragsschreiber, meine Studienfächer waren Politikwissenschaft und Geschichte. Ich werde nicht versuchen, meine Tätigkeit als Lebenshilfe für verzweifelte Studenten oder als simples Zusatztraining während des Studiums darzustellen. Fakt ist: Ich kann den Verwendungszweck der von mir erstellten Arbeiten nicht mit Sicherheit nennen, es gehört allerdings in etlichen Fällen nicht viel Phantasie dazu, sich diesen Zweck vorzustellen. Ich bin nicht stolz auf meine Tätigkeit, die Arbeit ist allerdings vielseitig, lehrreich, einträglich und macht oft genug auch einfach Spaß. Akademisches Ghostwriting mag moralisch fragwürdig sein, illegal ist es nicht und wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht werden.

Warum ich keine berufliche Laufbahn an der Universität angestrebt habe?

Bezeichnenderweise hat mein persönliches Vertrauen in die Wissenschaft die Begegnung mit einem "Vertrauensdozenten" einer parteinahen Stiftung nicht überlebt, der mehr mit der Beschaffung von Drittmitteln, der Rekrutierung von Parteinachwuchs und dem ständigen Hinweisen auf seine persönliche Relevanz beschäftigt war, als sich um lästige Studenten zu kümmern.

Wohlklingende, seichte Wissenschaftsimitationen

Ich persönlich würde lieber tatsächliche Wissenschaft als Ghostwriting betreiben, sehe aber derzeit keine Möglichkeit, dies mit ähnlich guten Arbeitsbedingungen und Honoraren umzusetzen – vor allem, weil der offizielle Weg in der Regel eine mehrjährige Leibeigenschaft bei einem Professor voraussetzt, auf die ich mich nicht eingelassen habe – auch nicht für einen Doktortitel. Ich hatte und habe kein Interesse daran, mich in die universitären Strukturen, ideologischen Vorgaben sowie in die zugehörige Beamtenmentalität einzufügen. Ich kann nur von meinen Fächern reden, gehe aber davon aus, dass es sich in anderen Geistes- und Sozialwissenschaften ähnlich verhält.

Ghostwriting – auch sogenanntes "akademisches" Ghostwriting – hat zumeist wenig mit echter Wissenschaft zu tun. Oft bleiben die erstellten Texte weit unter dem möglichen Niveau, weil die Anforderungen niedrig sind und die Auftraggeber wissen, dass sie keine anspruchsvollen Arbeiten vorlegen müssen. Die Folge sind wohlklingende, seichte Wissenschaftsimitationen, die vermutlich geräuschlos eingereicht, ebenso geräuschlos bewertet und abgeheftet werden und um die sich in der Folgezeit niemand mehr kümmern wird (vorausgesetzt der Student strebt keine Karriere in der Politik an). Bachelorarbeiten und auch Dissertationen werden nicht geschrieben, um gelesen zu werden, sondern um die zugehörigen Titel zu erwerben.

Die Berichterstattung zum Ghostwriting folgt Zyklen, ebenso wie die Reaktion darauf. Das Spiel läuft seit vielen Jahren: Die Universitäten und Wissenschaftsverbände bemühen sich, das Thema nach Möglichkeit totzuschweigen oder herunterspielen, um den Agenturen keine zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dies geschieht allerdings nur mit bescheidenem Erfolg, zumal die Ghostwritingagenturen teils enorme Summen in die Werbung investieren und sich passgenaue SEO-Strategien einfallen lassen, die die gängigen Suchanfragen bestens reflektieren: "Manche Studenten glauben, sie könnten sich ihre Bachelorarbeit schreiben lassen."

Hauptsache der Seitenrand stimmt

Prinzipiell ist akademisches Ghostwriting nur die logische Konsequenz aus generellen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft: Wer die Wirkung der allgegenwärtigen Rhetorik von Aufschwung, Leistung, Geschwindigkeit und Wachstum beobachtet, sollte sich nicht über Studenten wundern, die keine Zeit mit umfassender Bildung verschwenden, sondern darauf aus sind, ihr Studium möglichst schnell und ohne Aufwand hinter sich zu bringen, um sich endlich dem Geldverdienen widmen zu können. Dabei wird das Risiko des Rechtsbruchs, nämlich die Vorlage einer durch Ghostwriter erstellten Arbeit, durchaus in Kauf genommen, zumal es aufgrund der Verhältnisse an den Universitäten überschaubar zu sein scheint.

Zum zehnten Mal die gleiche Arbeit

Geraten solche Studenten außerdem noch an Di-M-Do-Professoren, die selbst ihren Aufwand möglichst gering halten möchten und nur die Hälfte der Woche anwesend sind, rückt die Entscheidung zum Betrug nochmals näher. Provokant ausgedrückt: Ghostwriting schmiert das System und hält den Aufwand für Studenten wie für Professoren gering. Auch der Ghostwriter hat weniger Arbeit, wenn bequeme Professoren zum zehnten Mal eine Arbeit über "Die EU unter besonderer Berücksichtigung…" oder "Möglichkeiten und Grenzen einer gemeinsamen europäischen was-auch-immer-Politik" fordern. Er braucht dann nur in die Schublade zu greifen, ein paar alte Texte aufzubrühen, die Absätze neu zusammenzustellen, die üblichen Schlagworte einzubauen und hier und da ein paar studentisch-plausible Flüchtigkeitsfehler einzubauen. Zur gegenwärtigen "Wirtschaftsethik" gehört es eben auch, dort, wo keine oder nur wirkungslose Kontrollen existieren, zu tricksen und zu betrügen.

Oft genug wird auch in den Ghostwriting-Anfragen weitaus mehr auf die Formalien als auf den Inhalt eingegangen. Dies wirft kein gutes Licht auf die Verhältnisse an den Universitäten. Es bleibt darüber hinaus der Eindruck, dass einige Professoren oder Gutachter selbst Opfer ihrer eigenen Wissenschaftssprache werden und diese mit Wissenschaftlichkeit verwechseln. Es ist keine Kunst, Fremdworte aneinanderzureihen, die suggerieren, der Autor hätte die zugehörigen Konzepte verstanden. Auch Dissertationsschriften – nicht zuletzt jene des Herrn zu Guttenberg – sind voll davon. Die Fußnote wird zum Symbol für eine Wissenschaftlichkeit, die scheinbar nicht mehr hinterfragt werden muss. Wissenschaftliche Formalien werden zum Ersatz für fehlende Inhalte und der genau eingehaltene Seitenrand von vier Zentimetern scheint über so manche fachliche Schwäche hinwegzutäuschen. 

Haben Sie in Ihrem Studium Ghostwriter genutzt und sind bereit, darüber zu sprechen? Schreiben Sie uns an campus@zeit.de oder nutzen Sie unseren anonymen Briefkasten unter zeit.de/briefkasten, Stichwort: ZEIT CAMPUS