Freies Denken wird mit schlechten Noten bestraft

Juraprofessoren beschweren sich gerne über Studenten, die Papageienwissen nachplappern. Unser Autor ist Anwalt und sagt: Das Interesse der Studenten wird ausgebremst.

Zurzeit beschäftigen wir uns in einem Schwerpunkt mit der Frage, ob das Jurastudium reformiert werden muss. Lesen Sie auch ein Plädoyer gegen das Juraexamen oder die Geschichte einer Studentin, die das Erste Staatsexamen nicht schaffte. Alle bisherigen Texte der Serie finden Sie hier. Hier der Beitrag eines Lesers, der als Anwalt praktiziert:

In der Diskussion um die Reform des Jurastudiums wird oft am eigentlichen Problem vorbei diskutiert. Der Reformbedarf der Juristenausbildung sollte weniger an den Inhalten, als vielmehr an falschen Schwerpunkten und Anreizen, welche die gegenwärtige Form des Studiums setzt, gemessen werden.

Vor einiger Zeit hat Peter Oestmann, Rechtsprofessor und Lehrstuhlinhaber der Universität Münster in einem Debattenbeitrag für die FAZ mit dem Titel Das freie Denken kommt zu kurz die Juristenausbildung kritisiert. Tatsächlich galt seine Kritik jedoch – dies wurde bei der Lektüre des Beitrags nach wenigen Sätzen offenbar – nicht der unzeitgemäßen Ausbildung, sondern den Studenten, deren fehlenden Wissensdurst er in Wahrheit beklagte. Damit entspricht Oestmanns Verhalten zwar der menschlichen Neigung, erst einmal andere für Missstände verantwortlich zu machen, allerdings wird es der Sache nicht gerecht, reflexhaft mit dem Finger auf die angeblich so desinteressierte und unpolitische Studentengeneration zu zeigen. Keineswegs ist es nämlich das Desinteresse der Studenten, welches die Qualität der juristischen Ausbildung leiden lässt. Vielmehr wird das Interesse der Studenten durch die Form der Ausbildung konsequent gebremst. 


Sicherlich ist der Vorwurf, das freie Denken komme zu kurz, zunächst nicht falsch. Welcher passionierte Wissenschaftler würde sich nicht mehr Unabhängigkeit und Selbstständigkeit im Denken wünschen und eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen rechtspolitischen Themen? Das wäre nicht nur wünschenswert, sondern geradezu notwendig. Jeder dritte Jurastudent, so war in einem Beitrag von Martin Klingst in der ZEIT zu lesen, befürwortet die Todesstrafe, jeder zweite die Anwendung von Folter. Es stellt sich durchaus die Frage, ob das die Grundwerte und Überzeugungen der künftigen, modernen und pragmatischen Juristen sein sollten, in deren Hände wir den Rechtsstaat einmal übergeben?

Dementsprechend ist es nachvollziehbar, wenn Rechtslehrer die Papageienattitüde der Studenten anprangern, die lieber Auswendiggelerntes nachplappern, anstatt selbstständig ihr Hirn zu bemühen und eigene Überlegungen anzustellen. Wer könnte hier widersprechen, ohne das Wesen des Studiums zu verkennen? Studieren bedeutet eben gerade nicht auswendiglernen, sondern nach etwas Eigenem zu streben, sich um Erkenntnis zu bemühen. Es meint das wissenschaftliche, allumfassende Lernen – was zunächst einmal die gewählte Fachrichtung betrifft, aber auch den berühmten Blick über den Tellerrand einschließt.

Demgemäß wäre es natürlich zu begrüßen, wenn sich das Interesse und die Neugier der Studenten nicht nur auf die Materie, zu deren Studium sie sich entschlossen haben, beschränken, sondern auch andere Disziplinen erfassen würde. Ein bisschen Philosophie hier, ein wenig Kunstgeschichte da und zwischendrin noch etwas Volkswirtschaftslehre. Auch Grundlagenkenntnisse in Psychologie, Ethik und Religionswissenschaften wären für keinen Juristen von Nachteil. Jedenfalls, insofern wird Einigkeit bestehen, macht einen guten Juristen mehr aus als kurzfristig zum Zwecke der Examensvorbereitung angehäuftes Skriptenwissen.  

Kein Jurastudent möchte den Pflichtstoff hinter sich bringen

Umso mehr drängt sich also die Frage auf, weshalb so viele Studenten der Rechtswissenschaft sich genau damit zufrieden geben. Die Antwort dürfte (zumindest auch) darin liegen, dass den angehenden Juristen diese fragwürdige Genügsamkeit im Laufe des Studiums geradezu anerzogen wird. Kein Jurastudent kommt mit dem Wunsch an die Universität, den Pflichtstoff so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, um sich alsbald in die Fürsorge eines gut bezahlten privaten Repetitors begeben zu können, der, reduziert auf das absolut Unverzichtbare, effizient, kompakt und hoffentlich noch rechtzeitig für den Freischuss, gezielt auf das Examen vorbereitet. Die Vorstellung, dies tun zu müssen, wird erst im Laufe des Studiums hervorgerufen und fortan genährt.

Möglichst schnell scheinfrei zu sein ist aufgrund der Studienordnung das allgegenwärtige Damokles-Schwert, denn wer die Scheinfreiheit nicht rechtzeitig erreicht, wird aussortiert. Wer jedoch – im eigentlichen Sinne des Wortes – studieren will, tut dies nicht in acht Semestern. Das juristische Denken und das Erlernen der juristischen Methodik erfordern Übung. Das hierzu erforderliche Systemverständnis erschließt sich einem mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht während der Vorbereitung auf die nächste Klausur, die es jedoch, und hierin ist bereits ein systemisch veranlagter Widerspruch zum Studieren im eigentlichen Sinne des Wortes zu erblicken, zwingend zu bestehen gilt, um nicht der drohenden Zwangsexmatrikulation zum Opfer zu fallen.

Wer sich als scheinfreier Student im zehnten Semester immer noch ohne erstes Examen an der Uni herumtreibt, sieht sich schon mal mit der Frage nach dem Warum konfrontiert. Wer sich Zeit nimmt und länger studiert, als es die Regelstudienzeit vorsieht, muss sich, wenn es nicht triftige Gründe gibt, mit dem Vorwurf der Trödelei auseinandersetzen und sich womöglich im Vorstellungsgespräch für die Dauer des Studiums rechtfertigen. Hinzu kommt der Wettbewerbsdruck durch die schiere Anzahl der Absolventen, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Juristen gibt es wie Sand am Meer, attraktive Stellen hingegen sind vergleichsweise rar, und so muss sich schon beeilen, wer eine interessante und gutdotierte Stelle abbekommen möchte.

Wer dem Arbeitsmarkt trotz langer Ausbildung erst mit Anfang dreißig zur Verfügung steht, ist bereits aufgrund dieses Umstandes mit einem Makel gegenüber jüngeren Absolventen behaftet. Dass dem Wort "Langzeitstudent" gemeinhin eine negative Bedeutung zukommt, ist Ausdruck dieser gesellschaftlichen Wahrnehmung und Wertung. Diejenigen, die es in der Hand hätten, etwas zu ändern und dieser konsumistischen Fastfood-Attitüde entgegenzuwirken – die Universitäten und insbesondere die Lehrenden – versagen hier nahezu vollständig. Als willfährige Exekutoren bürokratischer Vorgaben und zugleich Opfer des Kostendrucks schleusen Professoren Heerscharen von Studenten durch ihre Veranstaltungen, ohne dabei ihrer Aufgabe gerecht zu werden.

Lehren bedeutet mehr als das reine Vermitteln von trockenem Stoff. Es bedeutet auch, eine Botschaft zu haben, Interesse zu wecken und die Zuhörer für die Sache zu begeistern. Rechtsdozenten, die nicht wissen, was sie sich hierunter vorzustellen haben, können sich auf einem der mittlerweile regelmäßig stattfindenden Science Slams, bei denen es darum geht, das Auditorium für das eigene Fachgebiet zu begeistern, anregen lassen. Wer hingegen Vorlesungen als lästige Unterbrechung der eigenen Forschungsarbeit empfindet und mit entsprechendem Enthusiasmus zu Werke schreitet, wer sich durch die Notwendigkeit, Lehrveranstaltungen abhalten zu müssen, in seiner eigentlichen Passion, der Wissenschaft, gestört fühlt, wird bei den Studenten keine Lust erwecken und kein Feuer entfachen können.

Anstatt Studenten zum Denken zu ermutigen, wird das selbständige Denken oft bereits im Keim erstickt. Nicht selten spielen auch persönliche Eitelkeiten der jeweiligen Professoren eine Rolle, denn gerade Lehrende lassen häufig keine große Sympathie für Meinungen und Rechtsauffassungen erkennen, die sich nicht mit der von ihnen selbst vertretenen Ansicht decken. Die Meinung des Dozenten wird zum Dogma – alles andere schnell als "abwegig" herabgewürdigt. Allenfalls eine wissenschaftlich etablierte Mindermeinung wird noch zähneknirschend akzeptiert und in der Klausur mit einem "vertretbar" gewürdigt. Selbstständiges und unabhängiges Denken findet schlicht deswegen nicht statt, weil es keine Anerkennung erfährt. Im Gegenteil: es wird mit schlechten Noten "bestraft", die durch die Brille des Wissenschaftlers betrachtet vielleicht als lehrreicher Rückschlag verschmerzbar sind, einen Studenten auf dem Weg zum Examen aber nicht voranbringen.

Und natürlich orientieren sich Studenten im Verlauf des Studiums primär am erforderlichen Examenswissen. Die Durchfallquote ist hoch, der Druck enorm und wer es auch beim zweiten Anlauf nicht schafft, hat nach fünf Jahren Studium nichts vorzuweisen. In einem Land wie Deutschland, in dem Türen sich nur dem öffnen, der den richtigen Schein dafür besitzt, ist der Abschluss existenziell. Was also ist verwerflich daran, dass Studenten sich an die vorgegebenen Spielregeln halten und auf das konzentrieren, was maßgeblich über ihre Zukunft entscheidet: das Examen. 

Umfassende Allgemeinbildung interessiert nicht

Eine erhebliche Bedeutungsintensivierung erfährt die Fokussierung auf das Examen dadurch, dass auch der Arbeitsmarkt eine sehr einseitige Vorstellung vom Begriff eines "guten Juristen" hat. Die spannenden und interessanten Stellen bleiben in der Regel jenem exklusiven Kreis von Absolventen vorbehalten, die als die Besten gelten, was nach der Definition des Arbeitsmarktes jene sind, die hervorragende Examensergebnisse vorzuweisen haben. Zweimal "vollbefriedigend" muss es schon sein – bei schlechteren Ergebnissen wird das Interesse der Arbeitgeber schon überschaubar. Eine breite Allgemeinbildung ließe sich womöglich im Vorstellungsgespräch beweisen und als Vorzug anpreisen. Blöd nur, dass der nicht vollbefriedigende Bewerber in Ermangelung entsprechender Examensergebnisse zu diesem erst gar nicht eingeladen wird. Umfassende Allgemeinbildung, ein breit gefächertes Interesse an Themen oder fachfremde Fähigkeiten und Fertigkeiten werden in der Arbeitswelt bestenfalls mit einem "nice to have" bewertet; Zusatzqualifikationen, gegen die sich wohl kein Arbeitgeber wehrt, die jedoch als Unterscheidungskriterium im Auswahlverfahren allenfalls dann Bedeutung erlangen, wenn die Eingangsqualifikation erfüllt ist – und dies ist und bleibt das Examensergebnis.

Wer als Jurist beruflichen Erfolg haben will, kann es sich buchstäblich nicht leisten, laut querzudenken und damit schlechte Noten zu riskieren. Solange der Mut zu freiem Denken nicht belohnt wird, sondern sich in schlechten Bewertungen niederschlägt, wird sich hieran nichts ändern. Man muss als Student der Rechtswissenschaften schon über eine gehörige Portion Willensstärke und Widerstandsfähigkeit verfügen, um sich nicht geradezu zwangsläufig zu einem stromlinienförmig angepassten Vertreter der herrschenden Meinung und unkritisch repetierenden Subsumtionsautomaten zu entwickeln. Sicherlich ist die Kritik am Desinteresse und der kaum anzutreffenden Bereitschaft, wirklich zu studieren, im Kern oft zutreffend. Bei der Suche nach der Ursache sollte man jedoch nicht vorschnell die Studenten als alleinige Adressaten der Kritik brandmarken.

Was einen guten Juristen ausmacht, kann vielfältig sein und entscheidet sich auch nach den konkreten Aufgaben. Wenn jedoch während des Studiums und im Berufsleben a priori nur jene als gute Juristen gelten und wahrgenommen werden, die über beste Examensergebnisse und große Mengen Theoriewissen verfügen, darf sich keiner wundern, wenn der Erwerb dieses examensrelevanten Wissens von den Studenten zur Maxime erhoben wird, der sie alles andere unterordnen. Wo einseitige Anreize gesetzt werden, darf sich keiner über einseitige Schwerpunkte beklagen. 

Und dass bei der gegenwärtigen Form des Studiums vielfach Theoretiker ausgebildet werden, die, mit fachspezifischen Scheuklappen ausgerüstet, den vielfältigen Anforderungen des Berufsalltags kaum gewachsen sind und in der Praxis schon an einfachsten Herausforderung scheitern, weil sie vor lauter rechtstheoretischen Bäumen den Wald der Lebenswirklichkeit nicht sehen, kann kaum überraschen. Vielleicht könnte etwas mehr Offenheit bei gleichzeitig etwas weniger Ideologie die Reformdiskussion beleben. Das Leitmotiv meiner eigenen Alma Mater, der Universität Mannheim, lautet "in omnibus veritas" – in allem ist Wahrheit. Würde sich die juristische Ausbildung daran orientieren, wäre schon viel gewonnen.