Noch mehr beunruhigt mich aber die Beobachtung, eines immer öfter um sich greifenden Selbstbetruges im Kreise der Wissenschaft. Es liegt auf der Hand, dass sich ein von Kommerz getriebenes System leicht – mit Geld oder aus politischen Gründen – manipulieren lässt. Jeder ist sich bewusst, wie die Veröffentlichungsliste, der H-Index oder die Zahl der Zitationen "getuned" werden können. Problematisch wird es aber erst, wenn wir Wissenschaftler – nicht Hochschulleitungen oder Wissenschaftspolitiker, sondern wir selbst! –  beginnen, an die Kennzahlen zu glauben, die wir selbst manipulieren. Für mich ist das ein sicheres Indiz dafür, dass etwas falsch läuft! Wann immer ich am Rande von wissenschaftlichen Veranstaltungen mit Kollegen spreche und frage "glaubt hier jemand an den citation index", ernte ich Gelächter und zynische Antworten, oft noch garniert mit einem "aber wir müssen doch mitmachen".  

Jeder weiß, wie leicht die Zahlen manipulierbar sind, wie "politisch beeinflusst" die Entscheidungsfindungen über Veröffentlichungen in einigen – gerade den exponiertesten – Fällen sind und wie wenig Aussagekraft sie für die objektive Bewertung wissenschaftlicher Leistungen liefern. Und dennoch: Immer häufiger sind es gerade wir Wissenschaftler selbst, die, sei es in Berufungskommissionen, in Gutachten über Forschungsanträge oder Veröffentlichungen, Kennzahlen wie den H-Index, die Veröffentlichungszahlen, Drittmittelerträge oder Anderes auspacken, um zu argumentieren. Wir sollten aufpassen, dass wir uns nicht zu sehr damit beschäftigen, unsere eigenen Kennzahlen zu "pflegen"! Auf dass uns nicht die Zeit fehlt, uns mit dem wissenschaftlichen Kern auseinanderzusetzen! Mir kommt es so vor, als ob wir die Folterinstrumente selbst gerne nutzen, die tief in unserem eigenen Fleisch stecken. Das alles kulminiert darin, dass mir immer öfter Aussagen auffallen wie: "Das haben wir in … veröffentlicht, daran sieht man, welch gute wissenschaftliche Arbeit es ist." Ich dachte immer, die Logik sei umgekehrt: "Das ist gute Wissenschaft, daher versuchen wir, es in … zu veröffentlichen." 

Müssen wir das wirklich alles mitmachen? Ich glaube, wir dürfen nicht!  

Lasst uns ehrlich bleiben!