Heute noch brav wie der Meister, morgen aber schon souverän im Namen des Volkes? Das Jurastudium muss reformiert werden, damit Studenten mehr können, als zu imitieren.

In diesem Sommer beschäftigen wir uns in einer Serie mit der Frage, ob das Jura-Studium reformiert werden muss. Start war ein Plädoyer zur Abschaffung des Staatsexamens. Nun veröffentlichen wir die kleinen Geschichten und großen Vorschläge unserer Leser.

Die Reform des Jurastudiums – es ist wieder einmal so weit, dass darüber diskutiert wird. Zu Unrecht? Keineswegs. Heute wie vor Jahren und Jahrzehnten stellt sich die Frage seiner Reformbedürftigkeit, unter dem Eindruck praktisch flächendeckender Bolognisierung der Universitäten sogar in besonderer Weise. Reformbemühungen sind auf allen Ebenen am Platz, auf der Ebene universitärer Lehrveranstaltungen, auf der Ebene fakultärer Curriculumsstrukturen und auf der Ebene gesetzlicher Rahmenbedingungen. In der Sache scheinen uns aus rechtswissenschaftlich-fachdidaktischer Perspektive (mindestens) drei Punkte bedenkenswert. 

1. Lernzielorientierung

Im Jurastudium sind Lern- und Ausbildungsziele unklar, angefangen bei der einzelnen Lehrveranstaltung, über Curriculumsstrukturen bis hin zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen der Juristenausbildungsgesetze. Das diffuse Leitbild "Volljurist" steuert nach wie vor Lehr- und Ausbildungsprozesse: Vorgebliche Vollständigkeit gilt als Qualitätsmerkmal von Veranstaltungen, das "Durchkommen mit dem Stoff" als Kriterium. Nicht, was die Studierenden können, ist entscheidend, sondern was von den Dozierenden gesagt wird. 

Die Hartnäckigkeit, mit der sich dieses Denken hält, beruht auf einem unausgesprochenen "don’t ask, don’t tell"-Abkommen zwischen Lehrenden und Studierenden: Lehrende tun so, als sei ihre Veranstaltung (klausur-!) vollständig, Studierende tun so, als gewährleiste die Vorlesung ihren Lernerfolg. Nichts von beidem ist wahr. Woran liegt das? Die Juristenausbildung legt sich regelmäßig keine Rechenschaft darüber ab, welche Ziele sie hat und wie sie diese erreichen will. "Sachenrecht" zu "beherrschen", ist kein Lernziel, das Studierende sinnvoll anstreben können und dessen Erreichen sich überprüfen ließe, denn es wird in der Prüfung ja bestenfalls ein Einzelfall geprüft.   

Gleiches gilt für Prüfungsgegenständekataloge. Man muss keineswegs Anhänger der Bologna-getriebenen Kompetenzdebatte sein, um darin ein manifestes Problem zu sehen. Wer nicht wenigstens einigermaßen spezifisch sagen kann, was das Lernergebnis einer neunzigminütigen Vorlesung sein soll, kann am Ende von zwölf oder fünfzehn solcher Vorlesungen auch nicht sagen, was in der Prüfung "gekonnt" werden soll.  

In der Lernzielintransparenz zeigt sich im Übrigen, dass das Fach regelmäßig nicht hinreichend zwischen explizitem, klar benennbarem, und implizitem, also dem schwer erklärbaren, "das macht man eben so"- Wissen unterscheiden kann oder will. Das hat zwei Folgen: Eine dramatische Erwartungsunsicherheit in Prüfungen stellt sich ein, die viele irrtümlich für den hohen Anspruch halten, den das Jurastudium stellt. Außerdem werden Studierende zu einem Lernen durch Imitation der vermeintlichen Meister gedrängt, was einem Studium, das auf die "Befähigung zum Richteramt hinausläuft" völlig unangemessen ist. Heute noch brav wie der Meister, morgen aber schon souverän im Namen des Volkes?   

Man kann das Problem der Lernzielindifferenz auch von einem anderen Punkt aus angehen, nämlich vom Veranstaltungsformat her: Nach wie vor dominiert in der Juristenausbildung die frontale Großvorlesung. Das Format hatte in einer Zeit von unterentwickelter Literaturversorgung seine Berechtigung. Diese Zeiten sind vorbei. Eine Rechtfertigung, am Format der Vorlesung bis heute inbrünstig festzuhalten, gibt es nicht. 

Sicher lassen sich Vorlesungen wegen fehlender Ressourcen nicht durch eine Vielzahl von Kleingruppen ersetzen. Doch so weit muss man gar nicht gehen, es gibt alternative, erwägenswerte Lehrkonzepte.

Dazu zählt der inverted classroom, bei dem die Studierenden vorbereitet in die Veranstaltung kommen und dort nur noch ihre Fragen und besondere Problemlagen behandelt werden. Dieses Modell verlangt den Dozierenden Klarheit über die zu erreichenden Ziele und die Methoden ihrer Verwirklichung ab. Die Studierenden zwingt es in die bitter nötige und leider nicht immer anzutreffende Selbstverantwortung für ihren eigenen Studienerfolg.  

Schließlich kommt ein weiterer Grund für die Lernzielferne der Juristenausbildung hinzu: Schaut man juristische Lehrveranstaltungen auf ihre Lernziele hin an, zeigt sich, dass die meisten ausschließlich auf schlichte Wissensakkumulation und -reproduktion zielen, die auf den untersten Stufen kognitiver Lernziele liegen. Die alte Begriffsjurisprudenz lässt grüßen. Dies bleibt unhinterfragt, wohl auch, weil es dabei mit dem hehren Selbstbild der Rechtswissenschaft zu gewissen Dissonanzen kommt.