"Jetzt falle ich aus dem Standard-Karriere-Plan." Jura und Musik, Bio und Philosophie: Studenten erzählen, warum sie von der Uni nicht genug bekommen können.

Jura und Musik

Ich spiele seit zwölf Jahren Saxofon, in der Band Cattelan, einer Big Band und einem symphonischen Blasorchester. Im Oktober werde ich an der Musikhochschule in Düsseldorf anfangen, klassisches Saxofon zu studieren. Im Juni habe ich mein erstes Staatsexamen in Jura bestanden.

Schon nach dem Abi hatte ich überlegt, Musik zu studieren. Damals dachte ich, dass ich nicht gut genug bin. Ich hatte Bedenken, dass ich durch den Druck an der Hochschule den Spaß am Saxofonspielen verlieren könnte. Ich habe mich dann für Jura entschieden, ich konnte mir gut vorstellen, als Richterin oder Anwältin zu arbeiten. Die ersten Semester und vor allem das Schwerpunktstudium in Strafrecht haben mir viel Spaß gemacht. Als ich aber für das erste Staatsexamen lernen musste, konnte ich mich kaum motivieren und war neidisch auf meine Bekannten, die hauptberuflich Musik machen. Einen Monat vor meinen Staatsexamensklausuren habe ich entschieden, mich für die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule anzumelden. 

Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich genommen werde, aber ich wollte es zumindest versucht haben. Familie und Freunde haben sich gefreut, einige Bekannte waren verwundert, dass ich meine Lebenszeit jetzt mit einem zweiten Studium verschwenden möchte. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass man nicht von allen Anerkennung bekommt, wenn man aus dem Standard-Karriere-Plan rausfällt: Abi machen, einmal studieren, arbeiten. 

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Strafrechtslehrstuhl werde ich 20 Stunden pro Woche arbeiten, so kann ich mir mein zweites Studium unabhängig von meinen Eltern finanzieren – und mich weiterhin mit Strafrecht beschäftigen. Ich kann das Musikstudium jetzt viel entspannter angehen, als wenn ich das direkt nach der Schule gemacht hätte. Jetzt studiere ich Saxofon nur für mich, und nicht, um damit später Geld verdienen zu können oder besser als alle anderen zu werden. Vielleicht arbeite ich dann in ein paar Jahren als Strafverteidigerin und am Wochenende spiele ich Konzerte mit einem Ensemble.   

Bio, Philosophie und Nachhaltigkeitswissenschaften

Ich habe zuerst einen Bachelor in chemischer Biologie gemacht, vor allem die Arbeit im Labor habe ich sehr genossen. Doch mich störte, dass die Inhalte stark auf die Pharmaindustrie ausgerichtet waren, chemische Moleküle zur Anwendung in Medikamenten haben wir sehr ausführlich behandelt. Ich möchte dort aber später nicht arbeiten. Mich interessieren ökologische Themen, Umweltprobleme und Nachhaltigkeit.

Außerdem hatte ich mir mein Studium so vorgestellt, dass ich nebenher noch Veranstaltungen in anderen Fächern besuchen kann, zum Beispiel in Philosophie. Leider habe ich gemerkt, dass das in meinem Studium nicht vorgesehen war. Tutoren und Dozenten wollten mich darin nicht unterstützten, meine Kommilitonen haben mich dafür belächelt.

Deshalb habe ich nach meinem Bachelor ein Zweitstudium in Politikwissenschaft und Philosophie angefangen. Ich wollte das zusätzlich machen, und trotzdem später im naturwissenschaftlichen Bereich tätig sein oder beides kombinieren. Weil ich schon einen Abschluss hatte, konnte ich an meiner Uni, der TU Dortmund, Einführungsvorlesungen und vier Seminare aus dem Bachelor nachholen und dann direkt in den Master wechseln. Leider hat das Studium mich enttäuscht. Ich hatte zwei spannende Kurse zu angewandter Ethik mit Umweltschwerpunkt. Ansonsten war das Angebot für umweltpolitische und -philosophische Themen sehr eingeschränkt.

Ich konnte mir auch nicht vorstellen, meine Abschlussarbeit dort zu schreiben: Die Dozenten haben die Welt nur aus westlicher Sicht betrachtet und hielten ihre Theorien für universal gültig, das fand ich für eine Masterarbeit wenig inspirierend. Weil ich ohne einen Bachelor in Politikwissenschaft und Philosophie nicht einfach an eine andere Uni in den Master wechseln kann, habe ich mein Zweitstudium nach zwei Jahren abgebrochen.

Im Oktober werde ich an der Leuphana Universität in Lüneburg den Master Nachhaltigkeitswissenschaften anfangen. Dort kann ich mich wieder auf Chemie konzentrieren, aber mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit. Weil der Master interdisziplinär ist, kann ich weiter politikwissenschaftliche und philosophische Kurse belegen. Ich wünsche mir, eines Tages einen Job machen zu können, der mich interessiert und mit dem ich etwas Sinnvolles für Gesellschaft und Umwelt bewirken kann. Falls meine Karrierechancen sinken, weil ich länger studiere als andere, ist mir das egal.