Erasmus ist für Anfänger: Lennart jagt in Chile eine Steuernummer, Sonja lebt in Peking zwischen Militärpomp und Falschgeld. Wo drei Auswanderer an Grenzen stießen.

Wo haben Sie sich fremd gefühlt?

Wenn es ums Geschäft geht, fühle ich mich immer besonders deutsch. Wir arbeiten mit einer Anwaltskanzlei zusammen, die für uns Verträge mit den Busunternehmen ausarbeitet. Da kommt es auf jedes Wort an, deswegen schauen wir da sehr genau hin. Und erwarten natürlich, dass die Kanzlei das auch macht.

Lennart Sönke Ruff, 26, ist nach dem Studium mit drei Freunden nach Chile ausgewandert, um dort das Start-up recorrido.cl zu gründen, das Fernbustickets verkauft und Preise vergleicht. © privat

Aber es wird oft nicht das erledigt, worauf wir uns geeinigt haben. Dann müssen wir nachbessern, was uns wieder Geld kostet. Deshalb kontrollieren wir alles. Da lasse ich den gründlichen Deutschen raushängen, weil ich mich bei solchen Angelegenheiten nicht anpassen möchte: Ich muss mich darauf verlassen können, dass die Dinge eingehalten werden, auf die ich mich mit Geschäftspartnern einige.

Im Privaten ist das was anderes: Wir warten schon seit Wochen darauf, dass der Klempner bei uns ein tropfendes Wasserrohr repariert. Wenn er sagt, er komme am Freitag, dann rechne ich noch mal zwei Wochen drauf. Das ist nicht schlimm, da habe ich mich dran gewöhnt. Aber ich könnte nicht zum Klempner sagen: Du hast mir Freitag gesagt, warum bist du nicht gekommen? Das würde als unhöflich und grob empfunden.

Wann sind Sie an Ihre Grenzen gestoßen?

Auf der Jagd nach unserer Steuernummer. Die brauchten wir, um ein Unternehmen zu gründen, aber die bekommen nur Chilenen oder Ausländer mit Visum. Und ein Visum gibt's nur, wenn man einen Arbeitsvertrag hat. Drei Monate hat es gedauert, bis wir die Nummer hatten.

Keine Steuernummer, kein Spanisch, kein Geld. Denn von unseren Ersparnissen mussten wir unsere Miete ein Jahr im Voraus zahlen, danach waren wir fast pleite. Das hat uns auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Im Studium wusste ich jederzeit, was ich zu tun hatte: Lernen, Klausuren schreiben, gute Noten kriegen. In der Uni gibt es immer eine positive Rückmeldung, wenn ich nicht voran kam, hat das System mir geholfen. Aber in Chile hat fast nichts geklappt. Ich habe mich gefühlt wie ein Gewichtheber, der versucht, eine riesige Hantel zu stemmen und hofft, dass es irgendwann einfacher wird.

Welche Grenze haben Sie überwunden?

Ich habe im Supermarkt die Langsamkeit für mich entdeckt. In Deutschland nimmt man beim Einkaufen an einem riesigen Wettrennen teil: Die Waren aufs Band legen, die Kassiererin scannt. Jetzt muss es schnell gehen, damit mich niemand anpflaumt. 3, 2, 1, los! In Chile bilden sich in den Gängen des Supermarkts Staus, obwohl die Gänge so breit sind, dass locker vier Wagen nebeneinander stehen könnten. Da sagt keiner: Rücken Sie auf, gehen Sie zur Seite, damit sich das auflöst.

Als ich klein war, hat meine Mutter mir beigebracht auf der Rolltreppe rechts zu stehen und links zu gehen, damit das effizient läuft. In Deutschland bin ich darauf fixiert, dass alles schnell geht – in Chile führe ich ein cooles Gespräch in der Schlange. Vor Kurzem sprach mich ein Mann an, Anwalt, Mitte 40, mit Jackett. Er fragte: "Hallo, wo kommste denn her?" In Deutschland hätte ich abgeblockt: Lass mich in Ruhe, ich muss meinen Kram machen. Aber wir waren nach dem Gespräch soweit, uns mit Handschlag zu verabschieden.