"Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie das Tor so schnell ersetzt haben", sagt Sabelo Skenjana. Der 23-jährige Südafrikaner steht vor dem massiven Stahlgittertor, das einen der Nebeneingänge zur Universität des Westkaps (UCW) in Kapstadt sichert. Vergangene Woche war er ganz vorne dabei, als wütende UCW-Studenten das schwere Tor niederdrückten, während im Rest des Landes Tausende Studenten ebenfalls protestierten. "Lockdown" an den Universitäten, Massendemo am Parlament in Kapstadt und Chaos am Regierungssitz in Pretoria; dazu Brandbomben, Festnahmen, viele friedliche Demonstranten, aber auch ein paar aufsehenerregende, gewalttätige.

Seine Kommilitonin Mihlali Nyangintsimb zeigt die Brandflecken auf der angrenzenden Hauptverkehrsstraße. "Wir haben den Verkehr hier lahmgelegt. Einige von uns lagen auf der Straße, andere haben Reifen angesteckt." Dann kam die Polizei mit Wasserwerfern und Gummigeschossen. Ein paar Plakate liegen noch vor dem neuen Tor. "Keine Gebührenerhöhungen" steht darauf und "Aufwachen Südafrika!" oder "Mein Großvater war ein garden boy – ich will Tierarzt werden".

Die Bilder erinnern unweigerlich an den Schüleraufstand 1976 gegen das damalige rassistische, weiße Apartheid-System, das per Gesetz die Burensprache Afrikaans als verbindliche Unterrichtssprache einführte. Bei dem Soweto Uprising starben mindestens zwölf Menschen.

Die Studenten protestieren nun seit dem 14. Oktober. Mit bemerkenswertem Erfolg: Die Regierung des African National Congress, ANC, hat die geplante Erhöhung der Studiengebühren um elf Prozent gekippt.

Doch Südafrikas Studenten wollen trotzdem weiter protestieren. "Wir wissen jetzt, dass wir Einfluss haben. Wir müssen die Gunst der Stunde nutzen", meint Mihlali Nyangintsimb. Die zierliche 22-Jährige hebt Hand und Kopf, streckt den Zeigefinger nach oben. "Wir sind grundsätzlich nicht in der Lage, Studiengebühren zu bezahlen. Wir werden gezwungen, uns auf Lebenszeiten zu verschulden. In diesem Südafrika haben wir keine Möglichkeit, weiterzukommen, und das ist das eigentliche Problem."

Black debts, also schwarze Schulden sind das Hauptproblem talentierter Studenten wie Mihlali und Sabelo. Sie sind im neuen, demokratischen Südafrika groß geworden. Born-frees nennt man sie hier gern, weil sie die rassistischen Fesseln der Apartheid-Ära nicht mehr erleben mussten. Doch genau das stellen die jungen Wilden infrage.

Fakt ist: Weiße Studenten sind im Post-Apartheid-Südafrika weiterhin wirtschaftlich bessergestellt, auch weil sie sich auf finanzielle Unterstützung ihrer Eltern verlassen können. "Ich bin der Erste in meiner Familie, der je an die Uni gegangen ist. Meine Familie erwartet von mir, dass ich sie finanziell unterstütze", sagt Sabelo, der aus dem Ostkap Südafrikas stammt und Politik im vierten Semester studiert.

Studiengebühren sind im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen in Südafrika unglaublich hoch. Sabelo schuldet der staatlichen Kreditanstalt NSFAS (National Student Financial Aid Scheme) momentan mehr als 40.000 Rand, das sind 2.660 Euro. In wenigen Tagen muss er für das nächste Semester weitere Schulden aufnehmen.
Die Gebühren werden eigenständig von den Universitäten angesetzt. Sechs Prozent Zinsen und ein zu erwartendes Einkommen von nicht mehr als 10.000 Rand im Monat (665 Euro) – da bleibt nicht viel übrig, um in Zukunft Schulden abzutragen.

"Wir kommen aus dem Armutsstrudel nicht raus", sagt Mihlali. "Meine Mutter ist 50 und sie zahlt ihre Studiengebühren immer noch ab." Mihlali hat im März mit Auszeichnung ihren Abschluss in Community and Health Science gemacht. Ihre Urkunde hat sie jedoch noch nicht in der Hand. Die bekommt sie erst, wenn sie ihre 43.000 Rand Schulden (2.860 Euro) abbezahlt hat. Ihre Professoren rieten Mihlali zum Master, aber sie kann sich das nicht leisten. Man sieht ihr an, wie sehr das schmerzt. Sie hat einen Job als Sozialarbeiterin bei einer Hilfsorganisation gefunden, arbeitet fünf Tage die Woche und verdient 550 Euro im Monat.

Südafrikas junge Generation verlangt nicht mehr nur, #FeesMustFall, sondern nicht weniger als #FreeEducationForAll und #Uprising. Der Aufstand bringt die nun regierenden einstigen Freiheitskämpfer an Nelson Mandelas Seite in Bedrängnis. Zum ersten Mal werden sie aus den eigenen Reihen und noch dazu von Jungwählern zur Rechenschaft gezogen. Die Generation der Mandelas hat uns kostenlose Bildung versprochen, heißt es überall.

Man werde sich langfristig mit den Themen wie dem autonomen Status der Universitäten, Rassismus und den schwarzen Schulden befassen, versprach Präsident Jacob Zuma am Freitag. Es ist das erste Mal, dass das Thema schwarze Schulden offiziell auf der Regierungsagenda steht. "Wir werden den Präsidenten zur Verantwortung ziehen", sagt Sabelo, der selbst ein ANC-Mitglied ist.