Ist das noch politisch korrekt oder zu aggressiv?

Schwarz ist Dresscode, von oben bis unten, es sieht ein bisschen aus wie auf einer Beerdigung. Hunderte Studenten der New York University nehmen fast die ganze lange Treppe hinauf zur Cafeteria ein. "Solidarity with #Mizzou" steht auf einem der bunten Schilder. Mit diesem Hashtag protestieren Studenten zurzeit gegen Rassendiskriminierung an der University of Missouri. An der NYU hatte die Black Students Union zur Solidaritätsveranstaltung eingeladen. In Missouri hat sich die Lage in diesem Herbst nach mehreren rassistisch motivierten Angriffen extrem zugespitzt, bei einem davon wurde mit Fäkalien ein Hakenkreuz auf eine Wand geschmiert.

"Die Angriffe auf Mizzou stellen unsere Sicherheit, unsere Mitmenschlichkeit zur Frage. Leben wir eigentlich noch in den 1950er Jahren?", ruft Arielle Andrews, die Vorsitzende der Vereinigung schwarzer Studenten, ins Mikrofon. Zwar sei es hier am Campus nicht so schlimm, aber: "New York kann sich nicht abschotten von den Ereignissen im ganzen Land." 

Die Studentenproteste ziehen durch die USA und nehmen einen Campus nach dem anderen ein. Sie richten sich gegen Rassismus, sexuelle Belästigung und andere Formen von Diskriminierung, gegen horrende Studiengebühren, den anwachsenden Berg von Kreditschulden. Die sozialen Medien feuern die Aufstände weiter an, Videos von den Schauplätzen breiten sich im Internet aus und dokumentieren die Ereignisse. Einige hochrangige Universitätsmitarbeiter mussten bereits ihre Posten räumen. Ein Million Student March vergangenen Donnerstag zählte Teilnehmer an mehr als 100 Universitäten im Land.

Nach mehr als 40 Jahren, in denen das politische Interesse an den amerikanischen Hochschulen immer schwächer wurde, scheint es, als habe eine neue Ära der Studentenproteste begonnen. Im ganzen Land fordern Studenten ihren safe place an der Uni ein, an dem sie vor Diskriminierung geschützt sind. Am vergangenen Donnerstag trat der Dekan des kalifornischen Claremont McKenna College zurück, dem schwarze und lateinamerikanischen Studenten ebenfalls vorwarfen, ihre Beschwerden über ein rassistisches Klima an der Uni zu überhören. An der Eliteuniversität Yale fordern aufgebrachte Studenten den Rauschmiss einer Dozentin, die öffentlich die Frage aufwarf, ob es für junge Menschen keinen Raum mehr gebe, "ein bisschen unangemessen, provokant und beleidigend" zu sein. Es ging um stereotype Halloween-Kostüme wie mexikanische Sombreros, Federschmuck oder schwarz geschminkte Gesichter, von denen der Universitätsrat für interkulturelle Angelegenheiten zuvor abgeraten hatte. 

Doch lange nicht alle freuen sich darüber, dass die Studenten endlich eine gemeinsame Stimme gegen die Ungerechtigkeit gefunden haben. Der erbitterte Kampf für Fairness und Toleranz hat in den USA auch eine Debatte über Protestkultur losgetreten: Wie viel Political Correctness kann die Meinungsfreiheit vertragen?

In Missouri kostete ein Video die Protestbewegung einiges an Sympathiepunkten. Darin blockierte eine Assistenzprofessorin einem Fotografen den Zugang zu einem Zeltlager der Demonstranten, der für den Fernsehsender ESPN über die Proteste berichten wollte. Sie drohte: "Wer hilft mir, diesen Reporter hier wegzuschaffen. Ich brauche Muskeln." Eine klare Verletzung der Pressefreiheit. Umgehend machten die Protestler die Mediensperre rückgängig und gaben an, dies sei ein lehrhaftes Ereignis für sie gewesen; die Professorin kündigte.

Zudem hatte die Campuspolizei in Missouri die Studenten ermuntert, jede Form von "hasserfüllter oder verletzender" Rede zu melden. Dies warf das Missverständnis auf, jeder beleidigende Kommentar könnte als Straftat gelten und rief Verfechter der Meinungsfreiheit auf den Plan. Auch die Polizei musste zurückrudern und machte deutlich, dass Beleidigungen nicht als Hassverbrechen gelten.

Uni-Präsident Wolfe trat letztendlich trotzdem ab – nachdem das College-Footballteam mit Spielstopp drohte und ein Student in Hungerstreik ging. Er wurde durch den Afroamerikaner Mike Middleton ersetzt, der früher als Bürgerrechtsanwalt arbeitete. Sogar Präsident Barack Obama gratulierte den Studentenaktivisten zu ihrem Erfolg.

Die Libertären auf der rechten Seite des politischen Spektrum empören sich über diesen studentische Ungehorsam. Sogar die Anschläge in Paris mussten dafür herhalten: "Jetzt können sich die jammernden Halbstarken an unseren Universitäten vielleicht auf etwas anderes konzentrieren, als ihr Bedürfnis nach einem ‘safe’ space", twitterte die konservative Journalistin Judith Miller.

Feministisches Theaterstück wird abgesagt

Aber auch aus dem linken Lager tönt Unbehagen über die Aggressivität der Proteste. Jonathan Chait, Journalist beim New York Magazine und ausgesprochener Kritiker der Konservativen, meint etwa, dass politische Korrektheit einer "neuen Ideologie" gleichkomme, die abweichende Meinungen bei Rassen- und Geschlechterfragen völlig intolerant gegenüber sei. "Und mit abweichend meine ich nicht Hassrede, Drohungen, Hakenkreuze. Ich meine die Aufführung eines unliebsamen Theaterstückes, die Veröffentlichung eines Meinungsartikels, der leicht von der eigenen Meinung abweicht – dies sind Dinge, die als Bedrohung der safe places erklärt worden sind", sagte Chait dem öffentlich-rechtlichen Radiosender NPR. "Und das ist eine ziemlich beunruhigende Vorstellung für einen Linken."

Für die akademische Welt kann es sogar äußerst kontraproduktiv sein, warnen Hochschullehrer. "Die Menschen nehme fälschlicherweise an, sie hätten ein Recht darauf, nicht angegangen zu werden. Aber es ist unsere Aufgabe als Pädagogen etwas anstößig zu sein im Sinne, um unsere Studenten zu zwingen, ihre Grundannahmen zu überdenken", meint Nadine Strossen, Professorin an der New York Law School. "Hier soll es doch um Vielfalt gehen, da können wir doch verschiedene Ansichten nicht einfach auslöschen. So haben Studenten am Wesleyan College in Connecticut die Finanzierung der Universitätszeitung gekappt, nachdem die in einem Meinungsstück eine Radikalisierung der Black-Lives-Matter-Bewegung kritisierte. In Massachusetts wurde die alljährliche Aufführung des 20 Jahre alten feministischen Theaterstücks The Vagina Monologues abgesagt, weil sich Transsexuelle ausgeschlossen fühlen könnten.

Das Spektrums ist allerdings breit, zwischen Menschen, die sich angegangen fühlen und Opfern von Rassismus und anderen Formen von Diskriminierung. Völlig frei von Vorurteilen und Ungleichbehandlung ist wohl keine amerikanische Universität. An der NYU wissen das nicht nur die Black Students Union und ihre Unterstützer, sondern auch der Hochschulvorstand: "Wenn wir ganz ehrlich unseren eigenen Campus anschauen, erkennen wir an, dass es noch viel Arbeit gibt", schreiben der Universitätspräsident John Sexton und die Dekane sämtlicher Fakultäten in einer gemeinsamen E-Mail an die Studentenschaft. Zu politisch korrekt kann es ihnen kaum sein: "Die Universität ist ein Ort, an dem schwierige und dringend notwendige Gespräche über Rasse und Vielfältigkeit erfolgen können und müssen."