Mindestens neun Monate im Jahr scheint auf Zypern die Sonne; die Menschen sind herzlich und das Leben mediterran geprägt. „Ein Urlaubsgefühl hat man immer auf Zypern. Ich finde, das gehört zum ERASMUS-Austausch dazu. Aber es lohnt sich sehr, hier ernsthaft zu studieren“, sagt Irene Dietzel und lobt die Ausstattung der Universitätsbibliothek. Sie studiert Religionswissenschaft und Soziologie mit dem Schwerpunkt orthodoxe Kultur und ist für ein Semester von Erfurt an die Universität in Nikosia gewechselt.

Nur wenige deutsche Kommilitonen haben Zypern als Studienort im Blick. Dabei ist das Land nicht nur seit über einem Jahr EU-Mitglied, es nimmt auch am Bologna-Prozess teil und sorgt mit dem ECTS-Leistungspunktesystem dafür, dass die Studienleistungen im Ausland anerkannt werden. Die Insel bietet also mehr als gute Studienbedingungen und schönes Wetter. „Hier eröffnet sich eine andere Perspektive. Die Scharnierfunktion, die Zypern traditionell in Handel und Politik zwischen Europa und Nahost ausübt, erlebt man unmittelbar“, sagt Dirk Sangmeister. Zypern liegt als einziges EU-Land geographisch nicht mehr in Europa: Syrien ist nur 92 Kilometer entfernt, die nächstgelegenen Großstädte heißen Damaskus, Beirut, Kairo.

In Nikosia kann man die Atmosphäre einer geteilten Hauptstadt erleben. Die EU-Außengrenze verläuft mitten durch die Altstadt und trennt den griechischen Süden vom türkischen Norden. Seit Ostern 2003 gibt es einen kleinen Grenzverkehr. „Obwohl wir häufig zum Kaffeetrinken oder um günstig einzukaufen in den Nordteil gegangen sind, blieb die Überquerung der Grenze aufregend. Es gibt ein breites Niemandsland, die UN-Truppen sind überall präsent“, erzählt Irene Dietzel.

Freizeitprogramm für Austauschstudenten

Für ERASMUS-Studierende bietet das von der Universität organisierte Freizeitprogramm Einiges: Einladungen zum Essen gehören genauso dazu wie mehrtägige Ausflüge zum Strand. Ein Kino-Club in der Altstadt ist internationaler Treffpunkt und kulturelle Institution. Dort treffen sich Studierende mit Künstlern und Intellektuellen. „Nikosia hat eine sehr aktive Künstlergemeinde und ist eigentlich keine Hauptstadt, sondern ein Hauptdorf – alles, was sich kulturell tut, ist innerhalb der Stadtmauern leicht auffindbar“, berichtet Irene Dietzel von ihren Erfahrungen.

Die meisten Austauschstudenten finden ein Zimmer im Studentenwohnheim – entweder in der Stadt oder am neuen Campus. Wer dort draußen wohnt, hat es allerdings schwer, in die Stadt zu kommen. „Busse gibt es kaum und Taxifahren ist zu teuer. Obwohl es wegen des Autoverkehrs nicht ungefährlich ist, haben wir uns zu mehreren Fahrräder gekauft, um in der Freizeit mobil zu sein“, berichtet Irene Dietzel.

Sie schätzt, dass die Lebenshaltungskosten genauso hoch wie in Deutschland sind. „Man muss auf dem Markt einkaufen gehen, dann ist das Leben auch bezahlbar“, meint auch Dirk Sangmeister. Wen es nach deutscher Schokolade oder Camembert gelüstet, der muss tiefer in die Tasche greifen und etwa dreimal so viel bezahlen wie in Deutschland.