Seit Jahren wirbt Andreas Pinkwart, Wissenschaftsminister in Nordrhein-Westfalen und Vizevorsitzender der FDP, für ein Nationales Stipendiensystem. Jetzt hatte er Erfolg bei den Koalitionsverhandlungen. Schrittweise soll der Anteil der Stipendiaten in den nächsten Jahren auf bis zu zehn Prozent der Studierenden in der Regelstudienzeit steigen. Die Vergabe soll sich nach der Leistung richten, nicht nach dem Einkommen der Eltern.

Bisher werden zwei Prozent der als besonders begabt geltenden Studierenden mit Staatsmitteln gefördert, etwa über die Stiftungen der Parteien und Gewerkschaften oder über die Bildungswerke der Kirchen. Das neue Nationale Stipendiensystem soll auch auf den Schultern der Wirtschaft ruhen: Unternehmen sollen das Stipendium von monatlich 300 Euro zur Hälfte finanzieren. Die andere Hälfte sollen sich Bund und Länder teilen. Ist der Anteil der Stipendiaten unter den Studierenden in der Regelstudienzeit auf zehn Prozent gewachsen, würde das Staat und Wirtschaft jährlich 450 Millionen Euro kosten, haben die Koalitionäre ausgerechnet.

Wie das Stipendiensystem genau funktionieren wird, steht noch nicht fest. Aber erste Erfahrungen gibt es aus NRW. Dort hatte Pinkwart einen Alleingang unternommen, nachdem er im Frühjahr in der Gemeinsamen Wissenschaftskommission (GWK) an Bedenken mehrerer Länder gescheitert war. Inzwischen hat Pinkwart 1400 Stipendien aufgelegt. Damit bekommen 0,3 Prozent aller Studierenden in NRW das Stipendium. Betrachtet man nur die 300 000 Studierenden, die an staatlichen Hochschulen in der Regelstudienzeit studieren, erhalten 0,46 Prozent ein Stipendium. Im nächsten Jahr soll die Zahl der Stipendien verdoppelt werden.

Skepsis rief bei den Hochschulen in NRW hervor, dass sie selber das Geld bei Unternehmen "erbetteln" müssen. Gerade wegen der Wirtschaftskrise sei das schwierig gewesen, sagt Jens Kuck, Leiter des Studierendendezernats der Uni Köln. Inzwischen sei die Stimmung besser. "Wichtig ist, dass der Rektor sich persönlich bei privaten Stiftern und Unternehmen für Stipendien einsetzt."

Wie die Besten ausgesucht werden, überlässt NRW den Hochschulen. In Köln entscheidet die Uni nach Noten. Bei den Erstsemestern zählt die Abiturnote, bei den Studierenden höherer Semester die bisherigen Leistungen im Studium. Liegen Bewerber gleich auf, entscheidet ein zweiseitiges Motivationsschreiben. Bewerbungen für ein Stipendium müssen die Studierenden an ihre Uni richten.

In welches Fach ein Stipendium geht, kann der Stifter entscheiden. Fast zwei Drittel haben von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Allein 27 Prozent der Stipendien sind für Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler vorgesehen. So hat die Kölner Rechtsanwaltskammer Stipendien für Juristen ausgelobt. 21 Prozent aller NRW-Stipendien sind für Ingenieurs-Studierende bestimmt, acht Prozent für die Mathematik- und Naturwissenschaften. Nur ein Prozent der Stipendien haben die Stifter für Sprach- und Kulturwissenschaftler reserviert.

Noch muss man abwarten, ob das ein brauchbares Modell für ganz Deutschland ist. Das Deutsche Studentenwerk (DSW) begrüßt, dass die Politik "die Wirtschaft am Schopfe greifen will", wie Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des DSW, sagt. Wer mehr junge Leute fürs Studium gewinnen wolle, müsse aber vor allem das Bafög ausbauen und die Freibeträge beim Elterneinkommen erhöhen. Das planten die Koalitionäre bisher leider nicht. Auch gingen Begabtenstipendien meist an Kinder aus besser gestellten Elternhäusern. In der Tat hat gerade eine Studie vom Hochschulinformationszentrum ergeben, dass zwei Drittel der von den Begabtenförderungswerken unterstützten Studierenden aus Akademikerfamilien kommen.