Diese Gegenkritik wirkt auf mich wie eine große Nebelkerze. Ich werde versuchen, einige der aufgekommenen Nebelschwaden wieder wegzublasen.

Können wir uns darauf einigen, dass fast alle der Bologna-Ziele nicht erreicht worden sind? Mehr Mobilität: Fehlanzeige! Verbesserung der internationalen, insbesondere transatlantische Konkurrenzfähigkeit: Fehlanzeige! Niedrigere Abbrecher-Quote? Fehlanzeige.

Ist dieses hohe Maß an Verschulung, wie es nun auch die Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Studiengänge prägt, sinnvoll? Ich glaube nicht. Ist es sinnvoll, dass nun mündliche Vorträge als Leistung nicht mehr bewertet werden können? Ich glaube nicht. Ist es sinnvoll, dass in der Regel keine schriftlichen Hausarbeiten mehr während der vorlesungsfreien Zeit geschrieben werden können? Ich glaube nicht.

Mir muss niemand erklären, dass viele Aspekte der Humboldtschen Universitätsidee fragwürdig oder historisch überholt sind - ich habe mich dazu oft genug mündlich wie schriftlich geäußert (vgl. mein Buch Humanismus als Leitkultur – C H Beck 2006.) Aber der Grundgedanke, dass die Universität kein Schulbetrieb mit kanonischem Lehrstoff sein sollte, und dass die universitäre Lehre von denjenigen angeboten werden sollte, die sich auch in der Forschung bewähren, bleibt richtig. Auch die Idee, dass forschungsorientiertes Lernen an den Universitäten Fähigkeiten und Charaktermerkmale bildet, die auch außerhalb der Akademia im Beruf wertvoll sind, ist nach wie vor richtig.

Wir sollten endlich aufhören das Märchen zu erzählen, dass die US-amerikanischen Spitzenuniversitäten ein Alternativmodell zur Humboldtschen Reformuniversität seien. Das Gegenteil ist richtig. Gerade die US-amerikanischen Spitzenuniversitäten orientieren sich bis heute an den Leitideen der Humboldtschen Reformuniversität – anlässlich der 200-Jahr-Feier der Humboldt-Universität in Berlin hat das der langjährige Präsident der Standford-Universität erneut und völlig unmissverständlich klar gemacht.

Es wäre auch erfreulich, wenn nicht weiter die Legende verbreitet würde, dass das, was hier mit dem Bologna-Prozess umgesetzt wird, den US-amerikanischen BA-Studiengängen entspräche. Diese sind vergleichsweise wenig verschult, sie haben weite Bereiche der Wahlfreiheit und vermitteln eher Bildungswissen als employability.