ZEIT ONLINE: Herr Nagl, Herr Müller, Sie haben Professoren der Ingenieurwissenschaften und Informatik der RWTH Aachen und des Fakultätenverbundes 4ING zu ihrer sozialen Herkunft befragt. Was haben Sie herausgefunden?

Manfred Nagl: Dass knapp 64 Prozent der Befragten Eltern haben, die beide nicht studiert haben und somit nach unserer Definition als soziale Aufsteiger gelten. Wir schließen daraus, dass die Ingenieurwissenschaften eine hohe soziale Durchlässigkeit bieten.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, die Ergebnisse seien repräsentativ?

Nagl: Wir haben knapp 200 Professoren befragt, zusätzlich 22, die im Leitungsgremium von 4ING tätig waren oder sind. Außerdem haben wir bei zwei Fakultätentagen das Plenum zur sozialen Herkunft befragt, per Handzeichen ergab sich ein ähnliches Bild. Wir sind sehr sicher, dass diese Ergebnisse allgemein gelten.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie es sich, dass der Anteil der sozialen Aufsteiger ausgerechnet in den Ingenieurwissenschaften so hoch ist?

Nagl: Die Ingenieure zählen nicht zum klassischen Bildungsbürgertum. In den Ingenieurwissenschaften braucht man Mathematik und Naturwissenschaften. Deren Inhalte zählen nicht zu dem, womit ein Bildungsbürger protzt. Außerdem studieren Abkömmlinge kleiner Leute gerne etwas Handfestes, und die Ingenieurwissenschaften bieten das.

Gerhard Müller: Unsere Untersuchung hat ergeben, dass überdurchschnittlich viele der Professoren aus handwerklich geprägten Familien stammen. Die Verankerung der Inhalte der Ingenieurwissenschaften im täglichen Leben ist ganz unmittelbar. Ein Kind aus einer Handwerkerfamilie findet in technische Studiengänge leichter Einstieg als in geisteswissenschaftliche.