Jan-Hendrik Olbertz, parteiloser Kultusminister für die CDU in Sachsen-Anhalt und Professor für Erziehungswissenschaft, soll als einziger Kandidat zur Präsidentenwahl an der Humboldt-Universität (HU) antreten. Die monatelange geheime Sichtung möglicher Kandidaten ist damit abgeschlossen. Dem Vernehmen nach hatte die Findungskommission der HU unter Leitung des Kuratoriumsvorsitzenden, des Geoforschers Rolf Emmermann, eine Liste mit vier favorisierten Persönlichkeiten gebildet. Aus ihrem Kreis sei aber nur Olbertz aufgestellt worden, weil die anderen Wissenschaftler sich wegen ihrer exponierten Stellung nicht in eine Kampfabstimmung begeben wollten. Auf Empfehlung der Findungskommission wird das Kuratorium den 61 Mitgliedern des HU-Konzils Olbertz zur Wahl am 20. April vorschlagen. Weder in der Findungskommission noch im Kuratorium habe es Gegenstimmen gegeben, teilte die HU am Montagabend mit. Das Konzil soll Olbertz am 13. April anhören.

Olbertz als Präsident der Humboldt-Universität – das ist eine überraschende Auswahl. Universitätspräsidenten wechseln bisweilen in die Politik (so wie Jürgen Zöllner, der einst die Universität Mainz leitete). Ungewöhnlich ist es hingegen, dass ein Politiker sein Amt aufgibt, um eine Hochschule zu leiten. Der 55-jährige Olbertz ist seit 2002 Kultusminister in Sachsen-Anhalt.

Ungewöhnlich ist auch, dass die Humboldt-Universität sich einen Mann als ihren Leiter vorstellen kann, der nicht mit hohen akademischen Ehrungen dekoriert ist und keine imposante wissenschaftliche Karriere mit ungezählten Stationen an renommierten Einrichtungen im In- und Ausland vorweisen kann, wie etwa der jetzige Präsident Christoph Markschies oder sein Vorgänger Jürgen Mlynek.

Olbertz ist ein sehr respektierter Erziehungswissenschaftler. Doch er verbrachte sein akademisches Leben nach dem Lehramtstudium in Greifswald auch noch nach der Wende fast ausschließlich an einer einzigen Hochschule: der Universität Halle-Wittenberg, an der er promovierte, sich habilitierte und nach einem Aufenthalt als Gastprofessor in Bielefeld 1992 zum Professor berufen wurde.

Die HU hat als Mutter der modernen Universität einen klangvollen Namen, ihren Forschungsleistungen nach liegt sie – sogar noch nach den gescheiterten Anträgen im Exzellenzwettbewerb – bundesweit in der Spitzengruppe. Warum also verzichtet sie jetzt bei ihrem Präsidenten auf wissenschaftlichen Glanz?

Die Findungskommission dürfte nach den Erfahrungen mit dem jetzigen Amtsinhaber zu der Einsicht gelangt sein, dass auch noch so hohes wissenschaftliches Renommee keine Garantie für einen guten Präsidenten gibt.Man wirft Markschies seine vielen persönlichen Querelen vor, sein Desinteresse an vielen seiner Aufgaben, seine Ineffizienz sowie den von ihm verantworteten fehlgeschlagenen Antrag im Exzellenzwettbewerb. In dieser Lage scheint man in Olbertz genau den richtigen Mann zu sehen: wegen seiner umfassenden bildungspolitischen Kompetenz und sicher auch wegen seiner angenehmen Persönlichkeit. Der Erziehungswissenschaftler nimmt sein Gegenüber durch seine Umgänglichkeit ein. Er spricht sachlich, ohne deshalb fade zu wirken. Er tritt bestimmt auf, ohne bestimmend zu sein.