ZEIT ONLINE: Herr Schöllgen, Sie finanzieren ihr Zentrum für Angewandte Geschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Schreiben von Unternehmenshistorien und verstehen sich als Dienstleister in den Geisteswissenschaften. Machen Sie sich nicht als Forscher zum Handlanger der Wirtschaft?

Gregor Schöllgen: Ich forsche, wenn ich mich mit Unternehmen wie Schickedanz, Brose oder Diehl beschäftige und deren Geschichte veröffentliche. Gleichzeitig versuche ich den Anforderungen an eine moderne Universität gerecht zu werden. Ich zeige, dass auch ein geisteswissenschaftliches Institut vieles aus eigenen Mitteln stemmen kann. Mit den Aufträgen, die ich auf dem freien Markt einwerbe, kann ich meine wissenschaftlichen Mitarbeiter beschäftigen. Vertragspartner für die Unternehmen ist die Universität. Die gibt den Unternehmen Sicherheit.

ZEIT ONLINE: Wem bringt die Dienstleisteridee denn wirklich etwas?

Schöllgen: Geisteswissenschaftler sollten sich auf dem freien Markt behaupten und zwar mit einer Sprache, die alle erreicht. Meine Studenten profitieren von meiner Arbeit. Sie lernen, dass man Geschichte kapitalisieren kann. Der Andrang ist groß. Alle die mir als wissenschaftliche Mitarbeiter bei der Forschung geholfen haben, sind in der Wirtschaft, der Politik oder bei den Medien untergekommen. Na ja, und der Vorteil für die Universität liegt auf der Hand: Ich verschaffe ihr nicht nur Geld, sondern auch Renommee.

ZEIT ONLINE: Gefährdet die Arbeit nicht die Unabhängigkeit der Forschung?

Schöllgen: Die Verantwortung liegt nicht beim Auftraggeber, sondern beim Forscher. Daher ist es egal, ob ein Auftrag durch eine öffentliche Institution oder durch einen privaten Auftraggeber, wie eine Familie oder ein Industrieunternehmen, vergeben wird. Wir sind nicht daran interessiert, unseren Ruf zu gefährden, darin liegt die Logik jeder Dienstleistung.

Die Fragen stellte Katja Kasten

Gregor Schöllgen, 58, ist Professor für Neuere Geschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und leitet dort das Zentrum für Angewandte Geschichte (ZAG)