Vergangenen Montag zog die Theologiestudentin Frederike Rass von Tübingen nach Hamburg um. In Tübingen finanzierte sie ihren Lebensunterhalt mit einem Stipendium des evangelischen Begabtenförderwerks e.V. Villigst und einem Nebenjob am Lehrstuhl. Der Nebenverdienst fällt nun weg, zudem ist das Leben in Hamburg vergleichsweise teuer. Eigentlich müsste die geplante Erhöhung des Büchergelds der Stipendiatin gelegen kommen.

Hintergrund für die Erhöhung sind die Pläne der schwarz-gelben Koalition, ein nationales Stipendienprogramm zu initiieren. Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP sieht vor, zehn Prozent der Studierenden mit einem einkommensunabhängigen, leistungsorientierten "nationalen Stipendium" in Höhe von 300 Euro monatlich zu fördern. Analog hierzu soll das Büchergeld der Stipendiaten der elf großen Begabtenförderungswerke auf 300 Euro pro Monat angehoben werden. "Natürlich wüsste ich schon, wie ich das Geld ausgeben könnte", sagt Rass. Doch die aktuellen Pläne der Bundesregierung hält sie für schlichtweg ungerecht.

Derzeit erhalten rund zwei Prozent der Studierenden ein Stipendium. Die soziale Komponente wird bei der Auswahl der Stipendiaten weniger berücksichtigt, Kinder aus besser verdienenden Akademikerfamilien sind nach einer Studie des renommierten Hochschulinformationssystems überrepräsentiert. Lediglich bei der Berechnung der Höhe des monatlichen Stipendiums sind die Einkommensverhältnisse der Eltern relevant. Die Höhe der ausgezahlten Fördersumme orientiert sich am Bafög, elternunabhängig wird hingegen ein Büchergeld von momentan 80 Euro pro Monat gezahlt. 

Rass startete Anfang März eine Onlinepetition, die inzwischen über 2700 Unterschriften verzeichnet, ein Großteil davon stammt von Stipendiaten. Die Petenten begrüßen ausdrücklich den erklärten Willen der Bundesregierung, die Begabten- und Bildungsförderung in Deutschland zu stärken, halten aber gleichzeitig die bisher bekannt gewordenen Pläne vor dem Hintergrund der bestehenden Bildungsungerechtigkeit in Deutschland für unverhältnismäßig, da sie nicht zu einem Abbau der vorhandenen Schieflage führen.

Die Zeichner – insgesamt rund 12 Prozent aller Stipendiaten – setzen sich daher für eine moderatere Erhöhung des Büchergeldes ein. Dieses sei schließlich seit 1980 ungeachtet der Inflationsrate nicht erhöht worden. Eine Erhöhung des Büchergelds stand seit einiger Zeit im Raum, dass sie nun aber so hoch ausfällt, überrascht die meisten Stipendiaten. "Die Erhöhung des Büchergelds ist inhaltlich nicht gefüllt. Es geht lediglich darum, die etablierten Begabtenförderungswerke nicht schlechter zu stellen, als die Stipendiaten des nationalen Stipendienprogramms. Und das wird auch so kommuniziert", ärgert sich Rass.Sie spricht sich gemeinsam mit den Zeichnern der Petition dafür aus, das nationale Stipendienprogramm so auszugestalten, dass die soziale Selektion im deutschen Bildungssystem weder gefestigt noch verschärft wird.

Die Petition hat für die Initiatoren zunächst einmal symbolischen Charakter. Sie wollen zur Meinungsbildung bei den Stipendiaten beitragen, eine Diskussion anstoßen. Eine Diskussion über die Struktur des deutschen Bildungssystems, dass Kinder aus bildungsnahen und einkommensstarken Familien begünstigt. Dieser Trend spiegelt sich auch in der Stipendiatenstruktur der Begabtenförderwerke wieder. Zumeist profitieren Studierende mit einem solchen Hintergrund von der Förderung, wie das Hochschul-Informations-System 2009 bekannt gab. Die Forscher untersuchten damals die soziale Herkunft der rund 20.000 Stipendiaten der Begabtenförderungswerke und kamen zu dem Ergebnis, dass vor allem Kinder gut verdienender Akademiker Stipendien erhalten, Arbeiterkinder bedeutend seltener.

Weniger als zehn Prozent der Stipendiaten haben eine niedrige soziale Herkunft. 72 Prozent der Geförderten stammen aus einem Elternhaus von hoher oder gehobener sozialer Herkunft. Die Ergebnisse dieser Studie sind für die Begabtenförderungswerke brisant, die Diskussion scheint hier bereits angekommen. Viele Stiftungen kündigten verstärkte Bemühungen um potenzielle Stipendiaten aus bildungsfernen Schichten an.