Anitha Suman ist 17 Jahre alt und weiß eins schon ganz genau: "Ich möchte in meinem Leben etwas Großes erreichen." Die Inderin ist auf dem besten Wege: Sie gehört zu den besten 50 Absolventen im rund 55 Millionen Einwohner zählenden südindischen Bundesstaat Karnataka. Bangalore, weltweit bekannter IT-Standort, ist die Hauptstadt des Bundesstaats und Anithas Heimatort. Stolz zeigt sie ihr Abschlusszeugnis des Pre-University Course, der Hochschulzugangsberechtigung, und einen Ausschnitt aus einer Tageszeitung mit einem Foto von ihr und anderen "Toppern", wie die Besten aller Jahrgänge hier genannt werden.

Anitha möchte Informatik studieren und Software-Ingenieurin werden. Das wollen viele junge, ehrgeizige Inder. Anithas Physik- und Mathematiknoten sind exzellent, aber die Studiengebühren Für die Familie hoch: 1200 Euro pro Jahr. Vater Subba Rao verdient rund 100 Euro im Monat mit dem Verkauf von Tee und Kaffee vor Büros und Fabriken. Die fünfköpfige Familie wohnt auf nur 12 Quadratmetern zusammen und hat schon viel auf sich genommen, damit Anitha und ihr Bruder Manjunath auf eine weiterführende Schule gehen können. Die Studiengebühren wird die Familie aber niemals aufbringen können. Anitha braucht also ein Stipendium, und das ist in Indien nur über private Spender möglich. Anitha aber ist fest entschlossen, ihren Weg zu gehen: "Ich werde hart arbeiten, damit ich meiner Familie helfen kann", sagt sie.

Indien braucht junge Menschen wie Anitha dringend. Fast 40 Prozent der Inder sind jünger als 20 Jahre. Indien hat somit potenziell den weltweit größten Talentpool. Trotzdem suchen sowohl die heimische Industrie als auch die in Indien ansässigen multinationalen Unternehmen händeringend brillante Köpfe. Absolventen gibt es insgesamt viel zu wenig: Nach Angaben der Unesco schreiben sich nur 12 Prozent eines Jahrgangs (China: 23 Prozent, Deutschland 46 Prozent) für ein Hochschulstudium ein, viel zu wenige, um Indiens Wirtschaft weiter wachsen zu lassen.

Das indische Hochschulsystem gilt insgesamt als marode. Die wenigen weltweit angesehenen Institute wie das Institute of Technology in Kharagpur oder das Institute of Science in Bangalore können das nicht ausgleichen. Indien ist nach China der größte Nettoexporteur von Studenten: Pro Jahr verlassen rund 200.000 junge Inderinnen und Inder das Land, um einen Abschluss etwa in den Vereinigten Staaten, Singapur oder Australien zu erwerben. Viele von ihnen kommen nicht in ihr Heimatland zurück. Und  jährlich kommen nur etwa 7000 Ausländer zum Studium nach Indien, eine Zahl, die nicht für den Bildungsstandort Indien spricht.

Die Qualität der Ausbildung in den 504 indischen Universitäten und ihren fast 26.000 assoziierten Colleges variiert stark. Frontalunterricht ist immer noch die Regel, Soft Skills werden kaum unterrichtet. Hochschullehrer haben einen weitaus niedrigeren Status als in Deutschland und anderswo; das Salär ist bescheiden. Kein Wunder also, dass der Beruf des Hochschullehrers auf der Attraktivitätsskala junger Absolventen weit unten steht. Doch welches berufliche Ziel sie auch verfolgen, weniger als ein Viertel der indischen Hochschulabsolventen gilt als überhaupt berufsfähig.