Wenn Reiner Theorie an Tourismus denkt, fällt ihm als erstes Hermes ein, der griechische Gott der Reisenden. Schöngeistig sind die Gedanken des dick bebrillten Uni-Nerds, wenn auch etwas weltfremd. Daher können seine Kommilitonen an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (einst Fachhochschule genannt) leider wenig damit anfangen, wenn Reiner bemüht ist, ihnen Tipps für die praktischen Anteile ihres Studiums zu geben. Für die HAW-Studenten hat Tourismus nichts mit Hermes zu tun, sondern mit Fremdenverkehrskonzepten. Theorie, so das Credo, ist nur etwas für abgehobene Feingeister.

Der stereotype Nerd Reiner ist die zentrale Figur einer von den HAWs lancierten Imagekampagne. Mit Flyern , Infobroschüren und Videoclips versuchen sie, den höheren Praxisanteil an ihren Hochschulen in den Vordergrund zu rücken. Die Hermes-Episode ist eine von knapp zehn, das Schema ist immer dasselbe.

Axel Schirle, Leiter des Instituts für Werbung und Marktkommunikation der HAW Stuttgart, betont zwar, dass es sich nur "um eine augenzwinkernde Imagekampagne" handelt, und dass die Werbeoffensive in erster Linie "jene Zielgruppe anspricht, die an der Praxis interessiert ist". Doch es dürfte noch weitere Gründe geben. Schon lange gärt die Konkurrenz zwischen Unis und HAWs. Die Bologna-Reform hat den Kampf um Prestige und Geld verschärft.

Masse ist zwar gerade in der Lehre ganz bestimmt nicht Klasse, doch was sich als "Leistungsorientierte Mittelverteilung mit variablen Zuschüssen nach Belastungs- und Leistungskriterien" kompliziert liest, heißt einfach ausgedrückt: Je mehr Studenten an der jeweiligen Hochschule sind, desto mehr Geld aus den Finanzen der Länder gibt es. Es geht also nicht zuletzt um viel Geld. Bis 2015 werden durch die doppelten Abiturjahrgänge 275.000 zusätzliche Schüler an die Hochschulen kommen.

2012 trifft es Baden-Württemberg. Höchste Zeit also, den potentiellen Studenten das eigene Profil schmackhaft zu machen. Auf Uni-Seite gibt man sich betont gelassen. "Die HAWs müssen eben auch ihre Klientel suchen", sagt Wolfgang Ressel, Rektor der Uni Stuttgart . Ein wenig verwundert ist er aber doch. "Wer offensiv versucht, in den Forschungsmarkt einzusteigen, sollte vielleicht auch die Theorie betonen."