Einsam ohne Handy und Internet – Seite 1

Eigentlich klingt es nicht nach einem besonders gewagten Experiment: Für gerade einmal 24 Stunden sollen Studenten auf ihre gewohnten Medien verzichten: Kein Handy, kein Zugang zum Internet, kein Radio, Fernsehen und auch keine Zeitungen. Auch der MP3-Player ist für 24 Stunden tabu. Und damit es nicht ganz so schlimm ist, dürfen sie das Festnetztelefon benutzen.

Forscher der Universität Maryland und der Salzburg Academy on Media and Global Change wollen so herausfinden, ob, und wenn ja, wie abhängig die junge Generation von Medien ist. Und wie junge Leute ihren Tag gestalten, wenn sie ohne ihre gewohnten Informations- und Kommunikationskanäle auskommen müssen.

Studenten aus Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika nehmen an dem Projekt teil. Was britische Studenten in diesen 24 Stunden ohne Medien erlitten haben, kann man bereits nachlesen .

Ihre Leidensgeschichten bestätigen, was eine Pilotstudie der Universität Maryland bereits gezeigt hat. Dort waren nur amerikanische Studenten demselben Versuchsaufbau ausgesetzt. "Sehr ängstlich", "auf Entzug" oder "extrem kribbelig" waren nur einige der Begriffe, mit denen die Studienteilnehmer beschrieben, wie ihnen in Abwesenheit von Facebook, YouTube oder iTunes zumute war. Ein Vokabular, das an den Entzug Alkohol- und Drogenabhängiger erinnert.

Roman Gerodimos, Journalismus-Dozent an der Bournemouth Universität, der den britischen Teil der Studie betreut, hat bei seinen Teilnehmern Ähnliches beobachtet: "Die Studenten berichten von Entzugserscheinungen, Fressattacken, Nervosität und dem Gefühl, isoliert und abgehängt zu sein. Sie wissen nichts mit sich und ihrer Zeit anzufangen", sagte der Wissenschaftler der BBC .

Einen Namen gibt es für dieses Phänomen auch bereits: Information-Deprivation-Disorder , also etwa Informationsmangel-Störung. So berichten mehrere Studenten, sie fühlten sich von der Welt abgehängt und ausgeschlossen. Das ist wohl in etwa, was der Begriff meint.

 Das Festnetztelefon bringt auch nichts

Übereinstimmend beschrieben viele die 24 Stunden als "unglaublich schwer", "langweilig", "frustrierend" oder "einsam". Ein Student schrieb gar: "Der schlimmste Tag seit ich an der Uni bin. Einsamkeit umschließt mich." Viele knickten dementsprechend ein. Einige nach mehreren Stunden, andere erkannten bereits nach 90 Minuten, dass das Leben "mit Medien besser" sei.

Andere wiederum machten ganz neue Erfahrungen oder entdeckten alte Gewohnheiten wieder: "Ich habe drei Stunden aufrecht gesessen, nur mit meinem Buch von der Uni. Das habe ich noch nie getan", schrieb einer. Ein anderer ging gar bei einem Freund vorbei und klingelte an der Tür; andere lasen Romane.

Das Festnetztelefon durften die Studenten zwar benutzen, aber für einige bedeutete dies keinen Unterschied: Eine Studentin gab an, sie habe verzweifelt auf einen Anruf gewartet. Selbst habe sie niemanden anrufen können. Sie kenne nämlich nicht eine einzige Telefonnummer auswendig.

Bei einigen der Probanden führte die digitale Askese aber auch zu erfreulichen Selbsterkenntnissen: "Keine Medien zu nutzen, hat mich zu einem besseren Menschen gemacht. Ich musste rausgehen, die Welt wahrnehmen und mich an Gesprächen wirklich beteiligen", berichtete ein Versuchsteilnehmer begeistert.

Wie es um Studenten in anderen Ländern bestellt ist, wird sich noch zeigen. Die weiteren Ergebnisse der Studie sollen im Frühjahr veröffentlicht werden.