Der führende Plagiatexperte Volker Rieble sieht in der Dissertation von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) eklatante Verstöße gegen grundlegende Standards in wissenschaftlichen Arbeiten. "Da sind eindeutige Fremdtexte wortwörtlich abgeschrieben, es sind keine Fußnoten, es sind teilweise keine Angaben im Literaturverzeichnis zu den Fremdtexten", sagte der an der Universität München lehrende Arbeitsrechtsprofessor. "Es fehlen vor allem auch die Anführungszeichen, die man beim wörtlichen Fremdzitat unbedingt braucht." Sein Fazit der mit summa cum laude (mit Auszeichnung) bewerteten Arbeit: "Ich finde das Buch wissenschaftlich gesehen mangelhaft."

Nach einem Vergleich der kritischen Textstellen in der über 450 Seiten umfassenden Dissertation Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU sei das Ergebnis für ihn eindeutig, sagte der Experte. "Der Leser wird darüber getäuscht, dass ein bestimmter Absatz, ein bestimmtes Textstück, ein bestimmter Gedanke nicht vom Doktoranden zu Guttenberg, sondern von einem anderen stammt. Und das ist mit wissenschaftlichen Standards schlechterdings nicht vereinbar."

Ihm seien beim Sichten der Doktorarbeit zudem an einigen Stellen Stilbrüche aufgefallen. "Da merken Sie einfach, dass sich praktisch der Duktus ändert." Das könne zwar auch an Tagesformen des Doktoranden liegen, aber es mache stutzig.

Rieble gilt als Experte für das Abkupfern im Wissenschaftsbetrieb. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er die Untersuchung Das Wissenschaftsplagiat. Nach seinen Worten sind Plagiate in Doktorarbeiten keine Einzelfälle. Doktoranden etwa unter Zeitnot griffen zu solchen Mitteln, um irgendwie die Arbeit fertigzustellen.

Rieble kann sich nicht vorstellen, dass dem Doktorvater Peter Häberle die Fremdtexte in Guttenbergs Doktorarbeit bekannt waren. Der Vorgang sei gewiss peinlich, könne aber jedem Doktorvater passieren. "Ich lese eine Doktorarbeit nicht mit dem fundamentalen Vorbehalt, was ist denn da geklaut?" Es müsse ein Vertrauen in die wissenschaftliche Redlichkeit des Doktoranden geben. "Mich könnte das genauso erwischen. Man fühlt sich aber dann eher selbst als Doktorvater extrem hintergangen, weil das natürlich auch ein extremer Vertrauensbruch ist."

Nach Riebles Worten muss nun die Universität Bayreuth autonom entscheiden, ob der Doktortitel aberkannt werde. Er empfehle, sich dafür genügend Zeit zu nehmen. "Die Suche nach Plagiatstellen in einem verdächtigen Werk ist extrem aufwendig." Nicht alles finde sich im Internet, vieles liege nur gedruckt vor. Aus politischen Gründen könne Eile nicht geboten sein, denn der Doktorgrad habe mit dem Amt nichts zu tun: "Man muss als Minister nicht promoviert sein."