Der Geschichtsstudent Simon Lentzsch schreibt an der Universität Köln eine Doktorarbeit über Erinnerungskultur vor rund zweitausend Jahren, im Übergang von der römischen Republik in die anschließende Kaiserzeit. Welche Lehren wollten die politischen Meinungsmacher aus der Vergangenheit ziehen? Der Doktorand knüpft mit seiner Doktorarbeit an seine Staatsexamensarbeit an. "Darin habe ich zwei Fälle untersucht", erläutert Lentzsch. "Aber nun nehme ich auch noch andere historische Beispiele in den Blick und will das Ganze methodisch vertiefen." Darauf kann er sich dank eines internationalen Forschungsstipendiums jetzt voll konzentrieren.

Jährlich promovieren hierzulande rund 25.000 Titelbewerber, zwei Prozent aller Uni-Studenten. Doch anders als Lentzsch haben die allerwenigsten ein Promotionsstipendium, das vom Nebenerwerb entlastet. Die allermeisten haben auch gar keine beruflichen Ambitionen in den Wissenschaften. Ihnen geht es vielmehr um den Namenszusatz "Dr." auf Briefkopf und Visitenkarte. Der Wissenschaftsrat, das höchste Beratungsgremium in der Bildungspolitik, spricht insoweit von einer reinen "Statuspromotion" aus Prestigegründen. Aber ob Enthusiast oder cooler Titeljäger: Für beide stellt sich oft die Frage nach der Weiterverwertung, dem Ausbau einer ersten, noch unveröffentlichten Qualifikationsschrift.

In der Sprache der Betriebswirte gesprochen, geht es um Gewinnmaximierung bei Aufwandsminimierung. Diesem Geist gegenüber zeigte sich die Kultusministerkonferenz aber schon vor fünf Jahren deutlich abgeneigt . "Zu viele Doktoranden entwickeln die Promotion als schlichte Fortführung ihrer Diplom- oder Magisterarbeiten an demselben Institut, in dem bereits die (ersten) Abschlussarbeiten angefertigt wurden. Damit findet ein echter Wettbewerb wenig Raum".

Peter Funke, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), sagt heute: "Zumindest im Vorwort seiner Dissertation sollte der Autor auf eigene Vorarbeiten klar hinweisen." Das Ombuds-Gremium der DFG für gute wissenschaftliche Praxis mahnte gelegentlich, dass in den Promotionsordnungen an deutschen Universitäten "eindeutige Regelungen" für die Zweitverwertung von Prüfungsschriften zu oft fehlen, aber gerade "im Interesse der Doktoranden" nötig seien. Es geht um Chancengleichheit "in gestuften Qualifikationsverfahren". Zumindest müsse der Erstgutachter im Promotionsverfahren "über die Intensität der Übernahme (aus der eigenen Studienabschlussarbeit des Kandidaten) präzise informieren."

Wenn das nicht der Fall ist, kann der Doktortitel nachträglich aberkannt werden. Das zeigte sich vor wenigen Jahren an der Uni Erfurt. Erst im Nachhinein stellte sich heraus, dass eine politikwissenschaftliche Dissertation zur Hälfte im Wortlaut mit der Magisterarbeit des Verfassers übereinstimmte – allerdings ohne jeden Hinweis auf den "sechs Jahre alten kalten Kaffee", wie manche Professoren schimpften. Der Doktorvater und der Doktorand hatten die Vorgeschichte verschwiegen. Der Titel wurde zunächst entzogen, schließlich aber zwecks Streitvermeidung doch gelten gelassen. Der Erstprüfer wie sein Prüfling suchen ihre Berufskarriere inzwischen außerhalb der Wissenschaften.

Eine geistige Etage höher, macht gegenwärtig die Uni Innsbruck eine ähnlich riskante Affäre durch. Ein Jurist stützte seine Habilitationsschrift für den Hochschullehrerberuf ohne jeglichen Hinweis zu fast einem Drittel auf seine frühere Doktorarbeit. Im laufenden Prüfverfahren wurde die vorliegende Qualifikationsschrift durch eine Neufassung mit den nötigen Nachweisen ersetzt. Die offizielle "Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität" sieht mit Bescheid vergangener Woche darin "die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis verletzt".

Gewiss völlig übertrieben, meinte der französische Bibliothekar Nicolas Chamfort schon im 18. Jahrhundert: "Die meisten Bücher von heute scheinen in einem Tag aus den Werken von gestern entstanden zu sein." Zumindest bei Prüfungsschriften sollte sich jeder Kandidat heute vorsorglich erkundigen, ob oder wie er von sich selber abschreiben darf.