Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beteuert, die Sache mit den Plagiaten sei ein Missverständnis. Ob Guttenberg oder die nächsten, die am Wikipranger stehen, sich schuldig gemacht haben, müssen akademische Gremien entscheiden. Doch welcher Plagiatsbegriff herrscht in der Öffentlichkeit eigentlich vor? Wer unter denjenigen, die von Betrug reden, hat sich eigentlich wirklich die Mühe gemacht, die Plagiatsvorwürfe akribisch im Einzelnen durchzugehen? Und wie steht es mit der Notwendigkeit für Quellennachweise für Aussagen wie "Die Sonne ist rund", "Fidel Castro ist ein Kubaner" oder "Osteuropa orientiert sich an der Marktwirtschaft"?

Wenn ein beliebter Verteidigungsminister der Ehrlosigkeit überführt wird, erregt das die öffentliche Aufmerksamkeit und spielt dem politischen Gegner in die Hände. Doch angenommen, Google oder Stephan Wolfram brächten demnächst eine öffentliche Plagiatssuchmaschine heraus, die das heutige Internet als "text corpus"-Basis (Fachbegriff der Computerlinguistik) verwendet. Diese Maschine könnte Abermillionen Bücher anhand eines Buches vergleichen wie das bereits "text merge"-tools (Textvergleiche) im kleinen Rahmen tun. Jede Suchabfrage hätte als Ergebnis den prozentualen Anteil der Plagiate am Gesamttext. Ganz oben rangierte vermutlich Guttenberg, gefolgt von – vielleicht Journalisten, Schriftstellern, Herausgebern, Nobelpreisträgern? Es gäbe einen Aufschrei.

Was daran wäre vorschnell? Plagiate kommen nicht einfach durch buchstabengetreue Übereinstimmung zustande. Nicht nur ist die Geschichte des Plagiats verwickelter. In Rom galt nicht die unerlaubte Vervielfältigung als moralisch verwerflich, sondern die Bereicherung daran. Noch zu Zeiten Shakespeares galt das originalgetreue Plagiat als Zeichen der Verehrung. Im Allgemeinen verstehen wir aber unter Plagiat, von lateinisch plagium, so viel wie "Raub der Seele". Dieb ist, wer fremde Gedanken stiehlt, seins nennt oder verkauft. Das oder Teile dessen wirft man auch Online-Tauschbörsen und aktuell der FPD-Politikerin Silvana Koch-Mehrin vor.

Wie vergleicht man Zusammenhänge?

Nun beziehen sich die meisten Plagiatsvorwürfe auf Platon (428-328 v. Chr.) und erben damit seine Fehler. Platon hat die Seele mit Wachs verglichen. Eindrücke der Wirklichkeit würden zu Abdrücken auf der Seele. Erkennen wir etwas, das uns bekannt scheint, suchen wir im Schrank der Seele nach genau diesem Eindruck. Wir legen Eindruck und Abdruck übereinander. Passt etwas, rufen wir: Ah! Viele aktuelle technische Erkenntnistheorien gehen nach diesem Muster vor, ebenso neuronale Netzwerke.

Aber dann kam Gottlob Frege (1848-1925) und erinnerte an den "Morgenstern". Wie sieht der Abdruck eines Morgensterns schon aus, wenn wir darunter den Planeten Venus, eine Waffe, selbst Jesus Christus und vieles weitere verstehen? Hiermit war die moderne Formalisierung von Sinn, Bedeutung und Referenz geboren – und damit die moderne Logik, die Computerwelt, das Internet. Mit Ludwig Wittgenstein (1889-1951), Bertrand Russell (1872-1970) und Jan Łukasiewicz (1878-1956) wurde sie erweitert und formalisiert. Łukasiewicz haben die Unix-Anhänger zum Beispiel zu verdanken, dass sie anstatt "8 + 5" eher "+ 8 5" schreiben.