140.000 Studenten gleichzeitig in einem Seminar? Im Kurs Artificial Intelligence der Universität Stanford ist das kein Problem. Jeder einzelne wird in Multiple Choice-Tests geprüft. Versteht man etwas nicht, wiederholt es der Dozent gerne. Auch beim x-ten Mal lächelt er noch freundlich. Zudem ist die Veranstaltung an der Eliteschmiede des Silicon Valleys, die normalerweise Studiengebühren von etwa 50.000 Dollar im Jahr verlangt, kostenlos.
 
Der freundliche Dozent ist ein interaktives Video. Es ist Teil von Stanfords neuem Online-Angebot, das in diesem Herbst startet. Außer dem mittlerweile ausgebuchten Seminar zur künstlichen Intelligenz beinhaltet es eins zu selbstlernenden Algorithmen – Machine Learning – und eins zur Einführung in Datenbanken , für die man sich beide noch einschreiben kann.
 
Vorlesungen und Arbeitsmaterialien im Internet sind an sich keine Neuheit, aber zum ersten Mal kommt hier ClassX zum Einsatz, eine in Stanford entwickelte Software, die interaktive Lehre übers Netz ermöglicht. Damit ist die kalifornische Technik-Universität weltweite Avantgarde einer Entwicklung, die zurzeit die ganze Bildungsindustrie erfasst.
 
Angebote für interessierte Laien

Während Stanford auf die interaktive Vermittlung von praktischem Spezialwissen setzt, haben Harvard, Yale und das Bard College für diesen Herbst gemeinsam ein Online-Projekt auf die Beine gestellt, das eher interessierte Laien ansprechen dürfte – die Floating University . Aus jedem Forschungsbereich wurde eine Koryphäe eingeladen, die in nicht mehr als 60 Minuten ihren Fachbereich zusammenfassen soll. Die Themen verteilen sich wild auf Bevölkerungswissenschaften, Theoretische Physik, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie, Soziologie und Biologie. Knapp 500 Dollar kostet die exquisite Tour de Force, die Ende November abgeschlossen ist. Eine Möglichkeit zur interaktiven Teilnahme gibt es aber nicht, man sieht sich lediglich die exzellent animierten Vorlesungen an.
 
Wesentlich günstiger ist da das Online-Angebot der Universität Oxford , wo man Kursmaterialien und Vorlesungsvideos zu allen möglichen Themen für ein paar hundert Dollar erstehen kann. Auch hier steht Bildung für interessierte Laien im Vordergrund.
 
Beide Angebote aber verlangen nur Spottpreise verglichen mit den Angeboten auf der deutschen Bildungs-Seite Lecturio.de , die zudem kein vergleichbares Prestige vorzuweisen hat. Breitere Meta-Suchverzeichnisse von Vorlesungen im Netz finden sich auf Academic Earth und deutschsprachig auf Online-Vorlesungen.de , leider nicht sehr benutzerfreundlich. Allerdings gibt es im Internet auch viele unseriöse Bildungsangebote, die wertlose Diplome und Kurse verkaufen. Wenn keine Verbindung zu einer renommierten Universität besteht, sollte man die Angebote besonders genau prüfen.
 
Mit P2PU , einer offenen Online-Uni nach dem Peer-to-Peer-Prinzip, ist auch die klassische Lerngruppe ins Netz gezogen. Einen Kurs anbieten kann hier jeder. Sehr gut besucht sind etwa Gruppen, in denen man sich gegenseitig Programmiersprachen beibringt. Insgesamt ist die Handhabung aber noch viel zu umständlich, denkt man an die Möglichkeiten, die etwa ein eingebetteter Videochat-Modus bieten würde.