ZEIT ONLINE: Ein Wissenschaftler aus Hessen hat über mehrere Jahre etwa 24.000 Bücher gestohlen und sie in seinem Haus aufbewahrt. Auch wenn Sie den Deutschen Bibliotheksverband repräsentieren: Haben Sie Verständnis für jemanden, der so verrückt nach Büchern ist, dass er sich eine eigene Bibliothek zusammenklaut?

Jürgen Heeg: Wenn jemand Zehntausende wertvoller Bücher stiehlt und zu Hause hortet, steckt da sicherlich ein Krankheitsbild hinter. Verständnis dafür habe ich trotzdem nicht. So jemand geht ja mit großer krimineller Energie vor und fügt der Allgemeinheit durch sein Verhalten großen Schaden zu. Aber natürlich ist jemand, der Bücher stiehlt, um sie zu sammeln, immer noch sympathischer als einer, der das tut, um daraus Profit zu schlagen.

ZEIT ONLINE: Kennen Sie aus der Vergangenheit derart spektakuläre Fälle?

Heeg: Es gab bereits ähnliche Fälle, in denen Menschen eine wirklich beeindruckende Zahl Bücher gestohlen haben. Es gab auch mal einen Literaturprofessor in Bonn , der akribisch das Innenleben aus wertvollen Büchern entfernt und entwendet hat. Die Bücher hat er dann mit anderen Papieren gefüllt, damit der Diebstahl nicht auffällt.

ZEIT ONLINE: Was fängt man mit losen Blättern an? Gibt es dafür Abnehmer?

Heeg: Ja, schon. Sie bekommen natürlich nicht soviel Geld dafür. Wenn ein Originalband von Kopernikus eine Million Euro einbringt, dann kriegen Sie für das Innenleben vielleicht noch eine halbe Million. Es gibt aber auch Bücherdiebe, die für das Innere eines Buches einen neuen Einband herstellen und die Bücher dann so verkaufen.

ZEIT ONLINE: Ist der alltägliche Diebstahl von Büchern ein Problem für die wissenschaftlichen Bibliotheken?