Wenn die Gutachter kommen, wird die Uni zum Theater – Seite 1

An Deutschlands Elite-Universitäten herrschten zuletzt Zustände wie im Theater. Wissenschaftler wurden zu Schauspielern, es gab Generalproben und selbst Bösewichte mussten gespielt werden. Die Proben wurden fotografiert und gefilmt. Der Grund für den Aufwand waren kritische Besucher, die in den Elite-Unis erwartet wurden: Die Gutachter vom Wissenschaftsrat und der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Diese Gutachter haben zu entscheiden, welche Hochschulen in Zukunft zur Elite gehören werden. Dabei geht es neben dem Ruhm vor allem um viel Geld: 2,7 Milliarden Euro werden verteilt. Alles wurde daher bis ins Detail vorbereitet, nichts sollte dem Zufall überlassen werden. 16 Hochschulen haben noch die Chance, ab 2012 Elite-Uni zu sein. Neun gibt es bereits, höchstens zwölf dürfen es insgesamt werden. Auch die bisherigen Spitzen-Unis können ihren Titel verlieren. Je rund ein Dutzend der mächtigen Gutachter haben nun die vermeintlich besten Unis Deutschlands besucht.

Weil es um so viel geht, haben die Hochschulen zur Vorbereitung Methoden angewandt, die auch von Unternehmensberatern hätten kommen können. Die Uni Konstanz beispielsweise drehte den Spieß um und begutachtete zuerst einmal ihre Gutachter: Auf 38 Seiten trugen Mitarbeiter alles Wissenswerte über die 14 Experten zusammen: Lebensläufe, hochschulpolitische Äußerungen und auch Hobbys. An anderen Hochschulen wurden ähnliche Profile erstellt und gleichfalls zur Vorbereitung an die Professoren versendet.

Professoren proben ihre Prüfung

In Heidelberg mussten einige Professoren bei einer Generalprobe in die Rolle der Gutachter schlüpfen, berichtet Janina Reibold, Doktorandin an der Uni Heidelberg . Die Professoren hätten die Gutachter dabei als bad guys – Bösewichte – tituliert. Die Mitarbeiter der ältesten deutschen Uni überlegten, welche kritischen Fragen zur Exzellenzinitiative gestellt werden könnten. Ein beteiligter Professor stellte ein Foto von der Generalprobe stolz ins Netz. Wüsste man es nicht besser, könnte man dem Foto nicht ansehen, dass darauf nur eine gestellte Begehung zu sehen ist. "In den letzten Wochen und Monaten haben viele Personen mitgeholfen, unser Zukunftskonzept weiterzuentwickeln, gute neue Ideen einzubringen und noch nicht rund laufende Bereiche besser aufzustellen", schreibt der Professor in seinem Bericht. Aufwändig waren die Vorbereitungen in der Tat.

Nicht nur in Heidelberg, an allen betroffenen Hochschulen wurde die Begehung geprobt. In Konstanz wurde die Generalprobe per Video aufgenommen, um sie anschließend nochmals analysieren zu können. Die Uni Freiburg bestellte nach Informationen von ZEIT ONLINE einen Kommunikations-Coach aus Basel , der Hinweise zur Körpersprache gab.

Wissenschaftsrat kommentiert die Vorbereitungen nicht

An der Humboldt-Universität zu Berlin erhielten die Gesprächspartner der Gutachter Karten mit Musterfragen und -antworten, sagt Gerrit Aust, Referent der Studentenvertretung für Hochschulpolitik. "Zu der Probebegehung im November waren extra Gutachter eingeladen worden." Diese Außenstehenden sollten der Hochschule Feedback geben. Dabei hätte sich gezeigt, dass die Studenten und Professoren die Vorteile der neuen Projekte oft nicht nennen konnten. Die echte Begehung sei aber wesentlich besser abgelaufen.

Sehr gemischt waren die Reaktionen nach den Gutachterbegehungen, trotz aller Vorbereitungen. In Hochschulkreisen heißt es beispielsweise, dass die Begehungen in Konstanz und Freiburg ein Misserfolg gewesen seien. Dort stößt die Aussage jedoch auf Unverständnis. Das Abschneiden lässt sich in der Tat schwer einschätzen, da die Begehungen nach der Vorstellung der Anträge in viele kleine Gruppengespräche unterteilt waren. Beteiligte in Konstanz räumen aber ein, dass die Auftaktveranstaltung mit der Präsentation des Antrags offenbar nicht gut verlaufen ist. Die Fragen der Gutachter seien nicht genau beantwortet worden. Die darauf folgenden Gespräche seien jedoch erfolgreicher gewesen.

Die Vorstellung einiger Projekte verlief dennoch holprig

Ihren Hauptkonkurrenten sehen die Konstanzer in der Uni Tübingen . "Wenn Tübingen Elite-Uni wird, werden wir den Status wahrscheinlich verlieren", sagt ein Mitglied des Konstanzer Senats, des höchsten Uni-Gremiums. "Wir glauben nicht, dass Baden-Württemberg eine fünfte Elite-Uni erhält." Entsprechend schöpfen die Tübinger Hoffnung. Das Gerücht über das schlechte Abschneiden von Freiburg und Konstanz lässt dort die Herzen höher schlagen. Man habe die Begehung bewusst nicht so akribisch vorbereitet, heißt es dort, weil andere Unis mit auswendig gelernten Antworten negativ aufgefallen seien.

"Uns ist bewusst, dass Proben stattgefunden haben", sagt auch Sabine Behrenbeck, Projektleiterin für die Exzellenzinitiative beim Wissenschaftsrat . Wie sich die Unis vorbereiten, sei deren Entscheidung – das wolle der Wissenschaftsrat nicht kommentieren. Behrenbeck betont: "Die Sachverständigen haben als Wissenschaftler evaluiert, nicht als Theaterkritiker."