Bundesbildungsministerin Annette Schavan besitzt zwei akademische Titel. Über ihren Doktortitel herrscht derzeit große Aufregung . Seit drei Jahren ist sie zudem Honorarprofessorin für Katholische Theologie, kurz: Prof. der Freien Universität Berlin . Dieser Titel ist rechtmäßig zwar nicht umstritten, wirft aber trotzdem Fragen auf.

Etwa: Wieso lehrt eine Erziehungswissenschaftlerin Theologie? Die Antwort auf diese Ungereimtheit ist allerdings weniger bei Schavan zu suchen als bei der häufig abenteuerlichen Vergabepraxis von Honorarprofessuren.

Bundesweit gibt es neben mehr als 20.000 hauptberuflichen Professoren etwa 1.600 Honorarprofessoren. Die Nebentätigkeit ist ehrenamtlich und damit unbezahlt. Auf eine Honorarprofessur kann sich niemand bewerben – man muss warten, bis die Hochschule von sich aus auf einen zukommt. Ähnlich wie bei Berufungen auf die üblichen Professorenstellen kommt es auf Gutachten an, die dem Kandidaten die "Lehrstuhlreife" bescheinigen. Die beruht in vielen Disziplinen vor allem auf Veröffentlichungen.

Jede Uni hat ihr Werbeidol

Im Fall Schavan verweist die FU Berlin auf die "zahlreichen Publikationen" von Schavan, wobei die erziehungswissenschaftliche Doktorarbeit bereits "die Grundlage für die Leitlinien ihres theologischen Denkens" darstelle. Die Deutsche Nationalbibliothek erfasst insgesamt rund vierzig Beiträge unter Schavans Namen , ganz überwiegend allerdings zu bildungspolitischen Themen und überhaupt nur vier vor der Zeit als Landes- und Bundesministerin. Seither hat sie natürlich einen ganzen Stab von wissenschaftlichen Zuarbeitern.

Wie Schavan sind viele Honorarprofessoren Promis aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, für die eine Professur wiederum eine willkommene akademische Anerkennung ist. So lehrt etwa die evangelische Ex-Bischöfin Margot Käsmann Theologie in Bochum , der SPD-Politiker Peer Steinbrück Wirtschaftswissenschaften in Leipzig , der Komödiant Götz Alsmann Musik in Münster und der Tagesschau-Moderator Claus-Erich Boetzkes Journalismus im thüringischen Ilmenau. Auch Unternehmensberater wie Roland Berger gehören in den illustren Kreis. Gern machen juristische Fakultäten zudem erfolgreiche Rechtsanwälte zu Honorarprofessoren. Ebenso haben Fachhochschulen ihre Werbeidole: Der frühere Fernsehmoderator Ulrich Wickert beispielsweise doziert an der FH Magdeburg-Stendal, der Chefredakteur der Aachener Lokalpresse an der örtlichen FH.

Wer Experten will, muss mit Titeln locken

Dieses Verfahren erweckt schnell den Anschein von Opportunismus, wenn nicht von Vetternwirtschaft. Die übliche Begründung für die Titelvergabe lautet, dass die Hochschule so die Brücke zwischen Theorie und Praxis verstärken wolle. Im Falle Schavan etwa rühmt die Berliner FU die Verbindung von "geisteswissenschaftlicher Exzellenz mit gesellschaftlicher Präsenz und Wirksamkeit".

Doch gerade mit Wirtschaftsvertretern gewinnen die Hochschulen nicht nur einflussreiche Freunde, sondern je nachdem auch Spender. Ein Musterbeispiel dafür sind die Uni Potsdam und ihr Stifter Hasso Plattner . Hier steht die fachwissenschaftliche Kompetenz des SAP-Mitbegründers und Honorarprofs allerdings außer Zweifel.

Traditionell ist eine Honorarprofessur die Krönung für nebenamtliche "Lehrbeauftragte", die über zehn Semester eine Vorlesung oder ein Seminar aus ihrem Berufsleben gegeben haben. "Solche Einblicke haben für unsere Studierenden oft mehr Reiz als alle graue Theorie", sagt ein Hochschulrektor, der namentlich nicht genannt werden will, und bekennt: "Hochkarätige Experten kann ich dafür aber nur mit der Aussicht auf den späteren Professorentitel gewinnen."

Gesetze wie gemacht für den vollen Promi-Kalender

Soll die höhere akademische Weihe aber kein "Etikettenschwindel" sein, muss der bisherige Lehrbeauftragte natürlich eine "vergleichbare Qualifikation" wie ein normaler Professor vorweisen. Das stellte der Münsteraner Rechtsprofessor Hans-Wolfgang Waldeyer in einer Erörterung vor zehn Jahren fest. Seither haben sich die Maßstäbe aber merklich verschoben: In den meisten Bundesländern ist die mehrjährige "Bewährungsfrist" für die Honorarprofessur gefallen. So wurde Schavan von der Berliner FU ohne weitere Fristen berufen.

In vielen Ländern ist aus der strikten Lehrverpflichtung der Honorarprofessoren eine Soll-Vorschrift geworden, mitunter muss also nicht einmal unterrichtet werden. Im Hochschulgesetz von Nordrhein-Westfalen ist eine Lehrtätigkeit sogar überhaupt nicht mehr vorgesehen. Diese Lockerungen kommen Promis natürlich sehr entgegen, deren ohnehin voller Terminkalender wenig Zeit für akademische Übungen lässt. Schavan allerdings hat ihr Lehrpensum fest eingeplant: Sie unterrichtet zwei Wochenstunden.