Münster sucht den Supermediziner – Seite 1

"Müssen wir einen neuen Wackelpudding nehmen oder können wir den angefangenen Becher stehen lassen?" – "Nein, wir sollen einen neuen nehmen. Gleiche Prüfungsbedingungen für alle." Dr. Maged Alnawaiseh seufzt. Es ist das zehnte Mal, dass er heute einen angefangenen Becher Wackelpeter in den Müll schmeißt. "Das ist schon irre, was die hier für einen Aufwand betreiben. Ich möchte nicht wissen, was das alles kostet." Dann setzt er sich wieder neben seinen Kollegen Prof. Dr. Gereon Heuft an seinen Arbeitsplatz: ein kleiner Schreibtisch mit zwei Laptops in einem nachgebauten Krankenhauszimmer.

An der Wand gegenüber stehen ein leeres Bett und ein Stuhl. Vor dem Fenster sitzt eine junge Frau im Rollstuhl. Ihre Ellenbogen sind verbunden. Auf dem Tisch neben ihr steht nun ein neuer Plastikbecher mit Wackelpeter. Himbeere. Von draußen scheint die Augustsonne herein. Als zwei von 40 Juroren sind Dr. Alnawaiseh und Dr. Heuft heute im Studienhospital der Uni Münster, um zu prüfen, wie gut Abiturienten eine Schauspielerin mit Pudding füttern und vor einer angeblich anstehenden OP aufmuntern. Der Himbeer-Wackelpudding kann über ihre Zukunft entscheiden: darüber, ob sie einen Medizin-Studienplatz an der Uni Münster bekommen oder nicht.

Los geht's. Draußen auf dem Flur schrillt eine Trillerpfeife. Die Zimmertür öffnet sich. Herein tritt ein hochgewachsener junger Mann mit braunem Haar und gestreiftem Hemd. Bewerber Nummer elf an diesem Tag. Elf von 80.

Kopfnoten fürs Füttern

Was er nicht weiß: Dr. Alnawaiseh und Dr. Heuft werden seine Leistung auf einer fünfstufigen Skala beurteilen. Hat der Kandidat die Patientin gefüttert? War er einfühlsam? Und: Wurde die Decke der Patientin gewechselt, weil auf der alten Blutflecken waren?

Für den jungen Mann sieht es zunächst gut aus. Nur auf die Idee, die schmutzige Decke zu wechseln, kommt er nicht – obwohl er die Patientin mehrfach darauf anspricht: "Ist Ihnen die Decke zu warm?" – "Nein", murmelt die Patientin, schaut auf ihren Schoß und wippt mit den Knien. Woher denn die Blutflecken kämen? "Ich hatte Nasenbluten", murmelt die Patientin. Nun sei das aber wieder vorbei. "Dann ist ja gut", spricht der Bewerber lächelnd. Kurz darauf schrillt draußen auch schon wieder die Trillerpfeife. Die fünf Minuten sind um. Gut gelaunt verlässt der Kandidat das Krankenzimmer. "Oh Mann", sagt Heuft. "Der Dussel!" Auch wenn der Bewerber sympathisch wirkte: In der Deckenwechsel-Spalte können die beiden Prüfer ihm keine Punkte geben. Ein Nachteil im Vergleich zur Konkurrenz. 

Fachlich gut, aber zu brav

Etwa der resoluten jungen Dame, die kurz darauf straff in das Krankenzimmer marschiert. Der brünette Dutt sitzt adrett, an den Ohren schimmern Perlenohrringe. Die Stimme ist laut, man merkt, dass sie schon ein Praktikum in der Altenpflege gemacht hat. "Na, wie geht’s uns denn heute?", ruft sie über die Patientin gebeugt. Die Aufgaben erledigt sie akkurat. Doch wie viele Punkte sie bei der Einfühlsamkeit vergeben, darüber müssen die beiden Prüfer nachdenken. "Stabsärztin", murmelt Alnawaiseh. "Bei der Bundeswehr" ergänzt Heuft. Schweigen. "So was will man doch auch nicht."

Drei Räume weiter, auf der anderen Seite des Flurs, warten Professor Dr. Peter Zwanzger und Professor Dr. Ralph Lellé. Das Duo soll eine Sprechstunden-Simulation beurteilen: Wie gut können die Kandidaten eine vermeintlich alkoholkranke Patientin auf ihre hohen Leberwerte ansprechen? Ein blondes Mädchen führt das Gespräch freundlich und einfühlsam. Volle Punktzahl. Trotzdem bleiben Zweifel. "So eine kippt im OP doch um", flüstert Zwanzger zu Lellé, als die Kandidatin den Raum verlassen hat.

Andere Kandidaten verhalten sich unfreiwillig komisch: Ein junger Mann kann nicht nachvollziehen, warum die Leberwerte so hoch sind, als die Schauspielerin angibt, jeden Abend doch nur "zwei kleine Bierchen" zu trinken "und noch ein Schnäpschen". "Das ist ja jetzt nicht so viel. Und sonst wirklich nichts?"

"Neun von zehn sind schon nett"

Ein anderer Bewerber will durch Originalität glänzen. "Sorry, dass ich zu spät bin. Ich war gerade noch Mittag essen. Und habe da auch einen tollen Wein gehabt. Kennen Sie sich gut aus mit Wein?" – "Nein", erwidert die Schauspielerin und schweigt. Prof. Dr. Zwanzger stützt seinen Kopf in die Hände.

18 Uhr. Die letzte Trillerpfeife ist verklungen, der 80. Kandidat ist durch. Vom Flur brandet Gemurmel, Zwanziger und Lellé klappen nach sechs Stunden ihre Laptops zu. Ihr Fazit? Die jungen Leute seien schon sehr fit heutzutage. "Das ist schon irre, was die alles schon an Praktika gemacht haben", sagt Lellé. Allerdings seien die Kandidaten auch extrem brav und homogen. "Die kommen hier alle aus der Gegend und der ganze Jahrgang ist geprägt von diesen fleißigen schlauen Mädchen." Viele Bewerber seien fachlich gut, würden sich jedoch mit der Empathie schwertun, findet Gereon Heuft. "Trotzdem: Von zehn ist vielleicht einer so, dass man sagt, mach nichts mit Menschen. Neun sind schon nett."