"Wenn man sich die Indizien anguckt, dann sind genügend Plagiate drin, dass man ihm formal den Doktortitel entziehen kann", hat Uwe Kamenz über Frank-Walter Steinmeier in der Welt gesagt. Kurz nach der Bundestagswahl hat der Dortmunder Fachhochschulprofessor den sozialdemokratischen Spitzenpolitiker im Focus der Täuschung bezichtigt. Das Ziel des Plagiatsjägers, der das Ein-Mann-Institut ProfNet betreibt: Deutschland soll in wenigen Jahren plagiatsfrei sein, angefangen beim Deutschen Bundestag. Nun darf Steinmeier den Doktorgrad behalten, wie die Universität Gießen gerade entschieden hat. Und es sieht so aus, als habe der Plagiatsjäger selbst plagiiert.

Auf zehn Seiten seiner 1997 erschienen Einführung in die Marktforschung hat der BWL-Professor Abbildungen, Tabellen und Text anderer Autoren ganz oder teilweise übernommen. Dies haben Stichproben des Tagesspiegels ergeben. Demnach hat Kamenz besonders aus einem Werk des Berliner Marketingprofessors Alfred Kuß von der FU Berlin abgeschrieben, das 1990 als zweibändiges Kursheft nur für Studenten der Fernuniversität Hagen erschienen ist. Kamenz selbst studierte von 1978 bis 1980 an der Hochschule. Sieben Abbildungen und Tabellen hat Kamenz allein aus Kuß’ schwer zugänglichem Werk übernommen, ohne Quellenangabe.

Aus Sicht des Juraprofessors Gerhard Dannemann von der Humboldt-Universität, der intensiv auf der Plagiatsplattform VroniPlag Wiki mitarbeitet, hat Kamenz "klar gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen" – und in mindestens einem Fall wohl auch gegen das Urheberrecht. Besonders befremdlich findet Dannemann, "dass die Arbeit von Kuß bei Kamenz nirgends erwähnt wird". Zwar sei die Zahl der bisher festgestellten Verstöße verhältnismäßig klein. Aber: "Es wurden auch erst drei Quellen abgeglichen."

Kamenz reagiert mit einem Verweis auf seine – unter Plagiatsjägern umstrittene – Software: "Sollten Ihre Angaben stimmen, dann würde das innerhalb unseres Ratings im Bereich Grün (=Bagatelle) enden, nicht wie bei Steinmeier rot", schreibt er auf Anfrage. "Sie werden in allen Lehrbüchern Plagiatsindizien finden", fährt er fort – und macht dem Tagesspiegel ein Angebot: "Wenn Sie die Kosten (für Literaturbeschaffung und Einscannung) übernehmen oder uns alle Bücher digital zur Verfügung stellen, werden wir gerne eine solche Studie für Sie durchführen." Er kenne schon jetzt zwei Bücher, deren Autoren bei ihm abgeschrieben hätten.

Nimmt die Wissenschaft es bei Lehrbüchern mit dem Zitieren generell nicht so genau? Im Gegenteil, sagt der Ökonom Kuß: Gerade die Autoren von Lehrbüchern hätten "eine Vorbildfunktion, um Plagiaten in Abschlussarbeiten und Dissertationen vorzubeugen". Noch deutlicher wird Dannemann: "Dass alle Autoren von Lehrbüchern abschreiben ist eine unhaltbare Generalisierung, die sich angesichts der großen Anzahl von Lehrbüchern nicht verifizieren, aber schon mit einem einzigen Gegenbeispiel falsifizieren lässt." Dannemann hält es für ausgeschlossen, "dass Herr Kamenz damit recht hat".