Theorie an der Uni, Praxis an der Fachhochschule – diese Aufteilung ist Geschichte. Sonst müsste man allen Studierenden, die nicht Universitätsprofessor werden wollen, von dem Besuch einer Universität abraten. In der Realität kümmern sich die Universitäten längst um Praxisrelevanz und die Beschäftigungsfähigkeit ihrer Absolventen – spätestens seit der Bologna-Reform. Ebenso sind Fachhochschulen längst keine reinen Ausbildungsbetriebe mehr.

Das wollen die Gegner des Promotionsrechts für Fachhochschulen offenbar nicht wahrhaben. Ihr prominentester Vertreter ist der Präsident des Deutschen Hochschulverbands Bernhard Kempen. Angesichts der Pläne der schleswig-holsteinischen Landesregierung, Fachhochschulen ab 2015 das Promotionsrecht zu verleihen, erklärte er, das Promotionsrecht sei ein Mittel der Profilbildung, das den Universitäten vorbehalten bleiben solle; Kempen beschwört eine Gefahr der "Verwischung" der Aufgaben. Es drohe gar die Schwächung des gesamten Wissenschaftssystems.

Vor 50 Jahren hätte man seine Aufregung noch verstehen können: In den 1960er Jahren wurden die Fachhochschulen den Universitäten an die Seite gestellt – oft gingen sie aus Ingenieurschulen oder Höheren Fachschulen hervor. Ihre Aufgabe damals war die praxisnahe Vermittlung von akademischem Wissen. Inzwischen haben sich Fachhochschulen selbst zu akademischen Einrichtungen entwickelt, an denen Forschung eine immer größere Rolle spielt. Wollen sie einen jungen Wissenschaftler zum Doktorgrad führen, sind sie allerdings weiter auf die Kooperationsbereitschaft der Kollegen und Gremien an den Universitäten angewiesen. Diese Ungerechtigkeit will man in Schleswig-Holstein zum Glück beseitigen.

Doch warum reagieren die Universitäten so empfindlich? Ganz einfach: Sie fürchten um ihre Vorherrschaft in der Forschung und um die Ressource Doktoranden. Diese tragen die universitäre Forschung maßgeblich. Die Unis wollen sie nicht mit den Fachhochschulen teilen.

Auch FH-Professoren verstehen was von Forschung

Kempen argumentiert, Fachhochschulprofessoren hätten zu wenig Zeit, Doktoranden zu betreuen, und sie forschten kaum. Tatsächlich veröffentlichen FH-Professoren wegen der doppelt so hohen Lehrverpflichtung und geringerer Ressourcen weniger Forschungsergebnisse als die Kollegen an den Universitäten. Manche forschen überhaupt nicht. Allerdings sollte man nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Es ist nicht zu erwarten, dass sofort alle Professoren an den Fachhochschulen von dem Promotionsrecht Gebrauch machen. Schritt für Schritt können aber zusätzliche Ressourcen geschaffen werden, um Doktoranden qualifiziert zu betreuen. Das würde die Wissenschaft stärken, nicht schwächen.

Auch der Gesellschaft würde das nützen. Viel häufiger als an Universitäten geht die Forschung an Fachhochschule von einer praktischen Frage aus: Wie können haltbarere Materialien entwickelt werden? Warum und wie sollten sich Forstwirtschaft und Landwirtschaft an den Klimawandel anpassen? Wie können Gesellschaften nachhaltiger werden, wenn sie vom Funktionieren der Ökosysteme lernen? Die Anwendungsrelevanz ist der Markenkern der Fachhochschule. Dadurch kann sie oft stärker zur forschungsgetriebenen Innovation beitragen.

Die Forschungsmotivation mag eine andere sein, nicht aber die wissenschaftliche Arbeit. Forschung bedeutet ja nichts anderes als die systematische, transparente, nachvollziehbare und logische Bearbeitung von Fragen mithilfe bestimmter Methoden. Das beherrschen Fachhochschulprofessoren genauso wie ihre Unikollegen. Allein die wissenschaftliche Leistung sollte deshalb entscheiden, ob jemand für seine Forschung den Doktorgrad erhält – nicht das Schild am Hochschuleingang mit der Aufschrift Uni oder FH.