Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich mich entschieden, nicht in Deutschland zu promovieren. Stattdessen habe ich meine Teilnahme an einem Promotionsprogramm in den USA zugesagt. Es ist mir nicht schwer gefallen, den deutschen Unis den Rücken zu kehren.   

Natürlich hat mich die weite Welt gelockt und die Reputation der amerikanischen Uni gereizt. Wichtig war auch, dass ich während meiner Promotion mit weltweit führenden Wissenschaftlern meines Fachs zusammenarbeiten kann. Letztlich aber habe ich mich meine Entscheidung deshalb getroffen, weil das amerikanische Promotionssystem dem deutschen in vielen Aspekten überlegen ist. Und das gilt nicht nur für private US-Universitäten, sondern auch für die staatlichen Hochschulen.

Zunächst einmal müsste ich mich in Deutschland direkt bei einem Professor auf eine Doktorandenstelle bewerben, oft sogar auf ein eng abgestecktes Forschungsprojekt. Dadurch bin ich ganz von diesem einen Professor abhängig: Weil er mein Gehalt bezahlt, bestimmt er letztendlich auch, wie ich forsche und welche Methoden ich anwende, wie viel ich lehren und welche Zuarbeiten ich für ihn erledigen muss. Solche Dinge können zwar vorher abgesprochen werden, aber oft genug hält der Professor sich dann nicht an diese Absprachen. Häufig habe ich deswegen den Rat bekommen, mich mit einem Professor gut zu stellen, damit er mich später protegiert und mich in meiner weiteren Karriere unterstützt.

Promovieren in Deutschland findet oft in hierarchischen Strukturen statt, wissenschaftliche Karrieren sind schlecht planbar. Klüngelei ist an den Universitäten keine Seltenheit. In den USA dagegen bewirbt man sich auf Promotionsprogramme, ohne sich bereits für einen bestimmten Professor entscheiden zu müssen. Stattdessen kann ich mir im Vorfeld anschauen, welche Professoren mit dem Programm assoziiert sind und ob sie als Doktorvater oder –mutter in Frage kommen.

Außerdem hat das Programm eine feste Struktur: Ich weiß vor Beginn ganz genau, worauf ich mich einlasse, welche Kurse ich im ersten Jahr belegen muss und welche anderen Verpflichtungen auf mich zukommen. Auch finanziell bin ich weniger stark abhängig von einer einzelnen Person. Mein Gehalt wird in den ersten Jahren durch das Programm gezahlt und erst danach durch den Betreuer der Arbeit.

Deutschland hat mittlerweile reagiert und in vielen Fächern Graduiertenschulen (graduate schools) geschaffen, die sich am angelsächsischen Promotionsmodell orientieren. Zweifellos ein richtiger Schritt, doch die Graduiertenschulen lösen nicht alle deutschen Probleme.

In Deutschland sind zum Beispiel für die Promotion drei Jahre vorgesehen, entsprechend werden Stipendien maximal drei Jahre lang gezahlt. In den USA dagegen ist die Regelzeit für eine Promotion fünf Jahre. Natürlich ist es vorteilhaft, eine Promotion zügig abzuschließen, um akademisch voranzukommen. In den meisten Fächern ist es jedoch schwierig, in drei Jahren ein rundes, publikationsreifes Projekt fertigzustellen. Mir selbst sind mehrere Doktoranden bekannt, die deswegen nach drei Jahren ohne finanzielle Unterstützung und ohne offiziellen Doktoranden-Status weiterarbeiten mussten.

Deutsche Graduiertenschulen setzen nicht nur eine kürzere Forschungszeit an als amerikanische. Sie verzichten in der Regel auch auf das erste Jahr, das in den USA dem Planen des Dissertationsprojektes und dem Aufbau von Beziehungen an der Fakultät dient. Man absolviert beispielsweise mehrere Praktika (rotations) in selbst gewählten Arbeitsgruppen und kann sich so für einige Wochen unverbindlich an eine Gruppe herantasten oder einfach eine bestimmte wissenschaftliche Methode lernen. Das schafft zudem eine Wettbewerbssituation unter den Professoren. Sie müssen sich um die Studenten bemühen, um am Ende nicht ohne Doktoranden dazustehen.

Meine Professoren respektieren mich als Wissenschaftler. Ich promoviere auf Augenhöhe mit ihnen. Mein Thema wähle ich selbst, ich werde großzügig bezahlt und erstklassig ausgestattet. Ich habe das Gefühl, dass die Uni in mich investiert, statt mich als Kostenfaktor oder als billige Arbeitskraft zu sehen, die man mit einer halben Stelle abspeisen kann, wie das in Deutschland üblich ist.

All das macht es wesentlich einfacher, Höchstleistungen zu erbringen. Deutsche Universitäten haben da noch einiges aufzuholen.

Felix Baier hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München Biologie und Philosophie studiert und anschließend einen Master-Abschluss an der Columbia University in New York erworben. Zurzeit promoviert er in einem PhD-Programm der Harvard University im Fach Molekularbiologie.