Zu alt! Das hört Björn Gallinge immer wieder. Beim Bafög- und beim Arbeitsamt oder im Studentenwohnheim. Deutschland ist auf Studenten wie ihn nicht eingestellt.

34 Cent Rabatt hat die Barista in die Kasse getippt. Björn Gallinge lächelt zufrieden, als er nach seinem Chai Latte greift. Nicht immer klappt das mit der Vergünstigung für Studenten. Als er neulich mit Kommilitonen in die Therme wollte zum Beispiel. Da guckte die Kassiererin zweifelnd von dem Foto aus dem ersten Semester hoch, das ihn mit schulterlangen dunkelblonden Locken zeigt. Warf einen Blick auf seine Haare, die heute kürzer, weniger voll und vor allem grauer sind. "Wie alt sind Sie?"

Björn Gallinge ist 42 Jahre alt. Seit fast drei Jahren studiert er im Bachelorstudiengang Mediapublishing an der Hochschule der Medien in Stuttgart. 42 Jahre, also fast 18 Jahre älter als der deutsche Durchschnittsstudent. Zu alt für den Studentenrabatt, sagte die Kassiererin: "Den gibt’s nur bis 25."

Das deutsche Studiensystem ist nicht auf Studenten wie ihn ausgelegt. Das merkte Gallinge schon, bevor er sich für die Rückkehr an die Uni entschied. "Neue Perspektiven finden: Das bringt mich weiter", so wirbt die Agentur für Arbeit auf der Website ihrer Studienberatung. Telefonisch vereinbart er einen Termin. Doch als er beim Amt ankommt, schickt man ihn zu einer Arbeitsvermittlerin. "Mit über 30 steht Ihnen keine Studienberatung mehr zu", erklärt die ihm, kaum hat er Platz genommen. "Das bringt mich weiter", der Spruch gilt nicht für ihn.

Damals, in seinem ersten Studium, war alles noch einfacher. Nach dem Abitur schrieb er sich für Politikwissenschaften ein. Von seinem Elternhaus aus pendelte er an die Uni nach Frankfurt. Ein Student wie jeder andere. Doch nach vier Semestern brach er ab. Zu theorielastig die Vorlesungen, zu unsicher die Berufsaussichten. Stattdessen machte er eine Ausbildung zum Handwerksbuchbinder, ließ sich zum Drucktechniker weiterbilden und gründete seinen eigenen Verlag.

Vermisst hatte er den Studienabschluss nie. Bis er 2010 sein Unternehmen verkaufte und einen festen Job in der Verlagsbranche suchte. Im Lebenslauf betonte er seine Berufserfahrung. Doch immer wieder landeten Ablehnungsschreiben in seinem Briefkasten. Irgendwann stellte er fest: "Ohne Hochschulabschluss habe ich in diesem Bereich keine Chance." Selbst in Stellenanzeigen für Trainee-Jobs forderten die Verlage mindestens den Bachelor.

Also schreibt er sich wieder an der Uni ein. Nicht berufsbegleitend, wie er das zuerst geplant hatte. Sondern für ein Präsenzstudium im mehr als 200 Kilometer entfernten Stuttgart. "In sieben Semestern an der Hochschule kann ich viel intensiver in die Materie einsteigen, als es neben einem Vollzeit-Job möglich gewesen wäre", sagt er.

Im Bafög-Amt wird er abgewiesen. Für Bachelorstudenten gibt es die staatliche Unterstützung nur bis zum 30. Geburtstag. Für eines der günstigen Zimmer im Stuttgarter Studentenwohnheim kommt er ebenfalls nicht infrage. Auch dort gab es eine Altersgrenze, auch die hat er überschritten.