Sie wollten Jura oder Medizin studieren. Doch sie wurden abgelehnt oder bekamen kein Bafög. Nicht alle leben ihren einstigen Traum. Vier Geschichten von der zweiten Wahl

Was willst du mal werden? Jedes Kind, jeder Jugendliche entwickelt irgendwann einen Traum, eine Idee, was er oder sie einmal machen möchte. Doch nicht alle erreichen ihr Ziel. Wie lebt es sich mit der zweiten Wahl?

Wem hilft es, wenn ich Goethe analysiere?

In der elften Klasse habe ich ein Praktikum im Krankenhaus gemacht. Ich war während einer Gallenblasen-OP dabei und durfte die Gallenblase danach aufschneiden. Nach dieser Woche war ich mir sicher: Ich möchte Ärztin werden. In der Oberstufe habe ich Biologie als Hauptfach gewählt, um mich auf das Medizin-Studium vorzubereiten. Aber ich war naiv: Ich wusste nicht, wie die Zulassung für das Studium funktioniert.

Mein Abi war mit 2,0 zu schlecht, ich wurde abgelehnt. In Bolivien habe ich dann ein FSJ gemacht und danach in Köln angefangen, Romanistik und Germanistik zu studieren. 

Nach meinem ersten Studienjahr bin ich durch Ostafrika gereist. Dort habe ich deutsche Medizinstudenten getroffen. Eine erzählte mir, dass auch sie erst keinen Studienplatz hatte und deshalb vorher eine Ausbildung gemacht hat. In Uganda habe ich mit einer Ärztin von Ärzte ohne Grenzen gesprochen, die Aids-Waisen betreut. Als ich wieder in Deutschland in der Germanistik-Vorlesung saß, habe ich mich gefragt: Wem helfe ich, wenn ich Goethe analysiere?

Deshalb habe ich mich einen Monat später auf eine Ausbildung als Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin beworben. Ich habe Patienten gespritzt, den Blutdruck gemessen und sie gewaschen, Medikamente verteilt und im OP zugeschaut. Die Schule fand ich eher langweilig. Der Unterricht war rein praxisorientiert, immer wenn ich dachte, jetzt wird es interessant, haben wir aufgehört.

Jedes Semester habe ich mich wieder auf Medizin-Studienplätze beworben. Ich kannte alle Vergabeverfahren in Deutschland: Manchmal zählt nur die Abi-Note, an anderen Unis gibt es Wissenstests oder Bonuspunkte für Praktika und Ausbildung. Auch im Losverfahren werden Studienplätze vergeben, deshalb habe ich jedes Semester Postkarten mit meinem Namen und Studienwunsch an die Unis geschickt.

Letzten Sommer bin ich zum Bewerbungsgespräch nach Greifswald eingeladen worden. Auf einen Platz kamen drei eingeladene Bewerber, das würde knapp werden! Nach anderthalb Wochen sollte ich per Mail Bescheid bekommen. An dem Tag hatte ich Frühdienst. Nach der Arbeit habe ich auf meinem  Handy  gesehen, dass ich eine Nachricht aus Greifswald hatte. Ich habe gezittert, dass ich die Mail kaum öffnen konnte. Als ich die Zusage gelesen habe, konnte ich es erst mal gar nicht glauben. Dann habe ich mich so gefreut, endlich das machen zu können, was ich seit sechs Jahren wollte, dass mir die Tränen kamen.

Viele haben mich gefragt, ob das nicht schrecklich ist, von Köln nach Greifswald zu gehen. Mir ist das total egal. Ich bin so glücklich, endlich Medizin studieren zu können. In meinem ersten Semester habe ich alles bestanden.  

Ich habe mich oft darüber geärgert, dass ich mich in der Schule nicht stärker angestrengt habe. Aber auch, dass so viele Studienplätze über den NC vergeben werden. Einige Leute studieren Medizin, weil sie gute Noten haben, wollen aber gar nicht unbedingt Ärzte werden. Ich musste sehr lange warten, obwohl das immer mein Traum war. Die Zeit dazwischen hat sich für mich trotzdem gelohnt: In meinem Studium fällt mir vieles leichter, weil ich den Uni- und Krankenhausbetrieb schon kenne. Und ich werde wie andere Kommilitonen während dem Studium keine Zweifel mehr bekommen. Ich weiß, dass ich unbedingt Medizin studieren möchte. 

Jana Lehmann, 23 Jahre