In der "FAZ" stänkert ein Dozent über seine faulen und kriminellen Studenten. Was ist nur mit den Professoren los? Eine Antwort zur Ehrenrettung

Sehr geehrter Prof. Meyer,

vielen Dank für Ihren Nachruf auf die Ehre und Ehrlichkeit der deutschen Studenten, der gerade in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist. Todesursache seien die Faulheit und kriminelle Energie der Studenten. Sie haben da ja ein paar Beobachtungen gemacht: In Ihr Büro wurde eingebrochen und da eine Klausur kurz bevorstand, waren das vermutlich Ihre Studenten. Diese weigern sich außerdem Ihr Lehrbuch zu kaufen und lassen sich für Klausuren krankschreiben. Noch dazu ist die Uni so großzügig und lässt nicht nur einen, sondern gleich zwei Prüfungsversuche zu. Und das Allerschlimmste: Trotz dieses Benehmens bekommen Studenten auch noch Geld. Also Bafög.

Zunächst herzliches Beileid – an Ihre und alle Studenten. Denn die müssen ausbaden, dass sich besorgte Bürger nun fragen: Ist das Uniland schon untergegangen? Wenn mittlerweile sogar Professoren vor ihren eigenen Studenten warnen. Unvergessen ist dabei auch die Dozentin Christiane Florin und ihr Buch Warum unsere Studenten so angepasst sind. Sie beschwert sich vor allem darüber, dass ihre Zöglinge während der Vorlesungen so viel Wasser trinken. Unerhört. 

Die Sache lässt sich abkürzen: Nein, das Uniland hat überlebt. Dort erholt man sich langsam von dieser Bologna-Krankheit. Deshalb die Gegenfrage: Was ist eigentlich mit Professoren wie Ihnen los?

Sie, Professor Meyer, philosophieren pathetisch über Ehre und Ehrlichkeit. Und berufen sich dabei auf Dinge, die Sie jedem Ihrer faulen Studenten so was von um die Ohren hauen würden: Vermutungen, Verallgemeinerungen und eigene subjektive Erfahrungen.

Sie glauben, dass Ihre Studenten in Ihr Büro eingebrochen sind – ohne Beweise müsste hier aber doch erst einmal die Unschuldsvermutung gelten. Dann kennen Sie da den Fall einer Studentin, die offensichtlich gar nicht krank war. Daraus folgern Sie für alle Studenten: Die sind doch nur zu faul zum Lernen. 

Man muss Ihnen zugute halten, dass Sie die alte Leier "Früher war alles besser" ausgetauscht haben gegen "Woanders ist alles besser". Nämlich in den Vereinigten Staaten, da haben Sie studiert. Dort drüben gibt es wenigstens ordentliche Studiengebühren statt Bafög. Und noch wichtiger: einen Ehrenkodex und keine Klausuraufsicht. Doch was hilft es? Dazu brauchen Sie nicht einmal ein Lehrbuch bestellen: In diesem Internet findet sich einiges darüber, wie Elite-Unis in den USA gerade gegen ihre schummelnden Studenten kämpfen. Trotz Ehrenkodex.

Sie wünschen sich ein Uniland mit Studenten, die keine Probleme machen. Studenten, die funktionieren, auch wenn sie die dritte Klausur in einer Woche schreiben. Studenten, die ihren Energydrink während einer Nachtschicht liebevoll in "Ehre und Ehrlichkeit" umtaufen. Studenten, die keine Beratung, Betreuung oder ähnlichen psychologischen Unsinn brauchen. Die FAZ hat Ihren Text passenderweise so illustriert und dann beschriftet: "Jede Faulheit wird vergeben: die "Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeit", hier in der Hamburger Universitätsbibliothek, behebt die Folgen der laxen studentischen Arbeitsmoral."

Vielleicht sollte man sie tatsächlich abschaffen. Und stattdessen die "Lange Nacht der aufgeschobenen Hausaufgaben für Professoren" anbieten. Wussten Sie eigentlich, wie ärgerlich es ist, wenn der nicht ganz so faule Student sein Werk pünktlich zur Deadline abgibt, um dann monatelang, manchmal noch länger, nichts vom Professor zu hören? Das treibt so manchen in den bürokratischen Wahnsinn, vor allem wenn Job- oder Master-Bewerbungen anstehen.

"Wir haben wenig Zeit", werden Sie darauf vermutlich antworten. Und sehen Sie: Endlich eine Gemeinsamkeit mit zwei Dritteln aller Studenten, die neben Geld ihrer Eltern oder Bafög noch arbeiten müssen, um sich ihre Miete in einer Stadt wie Frankfurt oder München leisten zu können. Und auch in Ihrem Konstanz sind die Lebenshaltungskosten überdurchschnittlich hoch. Dazu ein kurzes Zitat aus der Infoseite Ihres Faches Biologie: "Im Grundstudium werden beginnend ab dem 1. Semester viele Klausuren geschrieben, wobei gleichzeitig zeitintensive Praktika abzuleisten sind." Haben Sie eigentlich mal Ihr Lehrbuch zur Seite gelegt und Ihre Studenten gefragt, warum sie sich so schwertun?         

Es ist nicht so, dass sich nicht viele Professoren genau darüber Gedanken machen. Die einen empfehlen Studenten sogar, mal eine Klausur absichtlich nicht zu bestehen, andere fordern die Abschaffung von starren Fächerstrukturen, die meisten sagen vor allem: Wir würden gerne mehr für unsere Studenten tun. Sie können damit anfangen. Und Sie könnten sich Ihre Worte noch einmal überlegen – nicht, dass Ihr Rektor sich wieder dafür entschuldigen muss, wenn Sie sich im Ton vergreifen.    

Schluss mit dem Bashing. Wie könnten sich Professoren und Studenten wieder gegenseitig begeistern? Schicken Sie uns Vorschläge oder Beispiele an leser-studium@zeit.de. Die Besten werden wir als Gastbeiträge veröffentlichen.