Unsere Autorin quälte sich bis zum 1. Staatsexamen – und schafft überraschend das Prädikat. Das 2. Examen will sie sich ersparen. Doch ohne stellt sie niemand ein.

In diesem Sommer beschäftigen wir uns in einer Serie mit der Frage, ob das Jurastudium reformiert werden muss. Start war ein Plädoyer zur Abschaffung des Staatsexamens. Nun veröffentlichen wir die kleinen Geschichten und großen Vorschläge unserer Leser.

Mein Jurastudium begann und endete eigentlich sehr erfolgreich, weshalb es mir ein Rätsel ist, wieso ich immer noch nicht glücklich und zufrieden einer juristischen Beschäftigung nachgehe, was doch eigentlich Sinn und Zweck der Prozedur sein sollte.

Schon im Laufe des ersten Semesters lichtete sich der Vorlesungssaal; die meisten hatten offensichtlich andere Vorstellungen vom Jurastudium. Der Rest quälte sich durch unglaublich schlechte Vorlesungen und saß in den kompletten Semesterferien Tag und Nacht in der Bibliothek, beschäftigt mit dem Schreiben umfangreicher Hausarbeiten. Meine Pflichtscheine, bestehend aus jeweils einer Hausarbeit und einer Klausur, bestand ich auf Anhieb und war demnach bereits im sechsten Semester scheinfrei, was bedeutete, dass ich mich voll und ganz auf die Vorbereitung für das 1. Juristische Staatsexamen konzentrieren konnte.

Dies tat ich auch, allerdings tauchten nun erstmals große Panikattacken auf. Zu groß und zu unübersichtlich schien die Stoffmenge, die zwingend beherrscht werden musste. Die Bücher, Skripten und Karteikarten stapelten sich im Zimmer bis unter die Decke. Vor lauter Informationsanhäufung kam ich gar nicht mehr zum Lernen, vor lauter Karteikartenschreiben blieb keine Zeit mehr zum Lösen von Übungsklausuren.

Der Termin für das 1. Staatsexamen rückte immer weiter in die Ferne, denn erst musste ja alles sitzen. Doch das Dilemma war, dass es ständig neue Paragraphen, neue Gerichtsentscheidungen, neue Streitstände, zusätzliche Examensinhalte gab, die beherrscht werden mussten, neben all dem Standardwissen.

Ich besuchte also nach und nach alle privaten Repetitorien und wurde Spezialist darin, welcher Dozent welches Repetitoriums in welchem Fach Spitzenreiter ist. Doch das brachte mir erst einmal nicht viel, außer, dass ich Unmengen an Geld los wurde und mir insbesondere Zivilrecht immer noch nicht klarer wurde. Dann kam es zu einer Änderung der Studienordnung. Ich musste mich gezwungenermaßen zum 1. Staatsexamen anmelden.

Mir war nur noch schlecht, alles drehte sich um mich herum, ich krümmte mich vor Bauchschmerzen und kam vom Klo nicht mehr runter. Irgendwann hatte ich solche Sehstörungen, dass ich meine ordentlich beschriebenen Karteikarten gar nicht mehr lesen konnte und die Ordner auf der Toilette sitzend durchzugehen, war auf Dauer auch keine Lösung. Das Ministerium hat meiner Bitte entsprochen und meine Anmeldung wegen Krankheit zurückgenommen. Ein Jahr später hatte ich dann meine allerletzte Chance, die Prüfung nach altem Prüfungsrecht abzulegen. Mittlerweile war ich 28 Jahre alt, hatte 9 Jahre studiert und jegliches Selbstvertrauen verloren.

Dazu kam der Druck von Familie, Freunden, Bekannten, Nachbarn, Lebensgefährten. Irgendwann schütteln die Leute den Kopf: "Diese ewige Studentin." "Die ist zu faul, die schafft ja doch nichts." "Was treibst du eigentlich den ganzen Tag?" "Willst du in deinem Leben auch noch was arbeiten?"

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe mich selbst aufgegeben. Aus Eigenschutz. Es war wohl meine psychologische Strategie, aus dem Hamsterrad auszubrechen. Ich ging ins 1. Staatsexamen mit einer Art Scheißegal-Einstellung. Scheißegal, was dabei rauskommt, scheißegal, wenn ich durchfalle, ich mache danach einfach etwas anderes. Ins Examen ging ich nur noch, um mir später mal nicht vorwerfen zu müssen, es nicht wenigstens einmal versucht zu haben.

Die Phase bis zur Ergebnismitteilung verbrachte ich mit einem äußerst kurzweiligen und spannenden Praktikum im Täter-Opfer-Ausgleich, womit es mir endlich nach langen Jahren wieder gut ging. Mein Tag hatte eine vorgegebene Struktur und mein Chef sparte nicht mit Lob und Anerkennung für meine Tätigkeit. Eine sinnvolle Arbeit, was konnte es Schöneres geben?

Eines Tages traf mich am Briefkasten fast der Schlag: Ich hatte tatsächlich exakt 10 Punkte. Ein Prädikatsexamen. Unfassbar. Die Investition in private Repetitorien und das jahrelange Lernen hatten sich offensichtlich doch gelohnt.

Doch der Freudentaumel hielt nicht lange. Nach dem Examen ist vor dem Examen. Und das Zweite Juristische Staatsexamen ist nicht besser. Es ist noch anspruchsvoller und hat noch mehr Bedeutung in der Berufswelt. Gleichzeitig hat man aufgrund zahlreicher Pflichtveranstaltungen noch weniger Zeit zum Lernen als vorher.