"Die meisten Forscher schweigen zur Flüchtlingskrise", schrieb Ali Aslan Gümüsay Ende November auf ZEIT ONLINE. Das stimmt nicht. Flüchtlingsforschung kann einen sehr wichtigen Beitrag zur öffentlichen Diskussion über Flüchtlinge leisten. Und entgegen vielfacher Behauptungen tut sie das auch. Man möge ein Radio- oder Fernsehprogramm einschalten oder eine Tageszeitung aufschlagen und findet immer Vertreter aus der Wissenschaft, die die aktuelle Flüchtlingskrise kommentieren. Forscher und Forscherinnen werden zunehmend von Medien und Politik direkt angefragt und mischen sich auch proaktiv in die aktuelle Debatte ein. Dabei darf die Wissenschaft allerdings nicht als eine Politikberatung missverstanden werden. Forschung muss unabhängig sein und kann gerade dadurch ihre Relevanz behaupten.

Wissenschaftler mischen sich ein

Einen vermeintlichen Maulkorb, den sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst verpassen würden, können wir nicht wahrnehmen. Wer zu Asyl, Flucht und Zwangsmigration forscht, ist sich der gesellschaftlichen Relevanz der eigenen Arbeit bewusst. Viele Kolleginnen und Kollegen verspüren neben ihren wissenschaftlichen Aufgaben auch eine Verantwortung, sich einzumischen. Das sehen wir besonders deutlich in der aktuellen Flüchtlingskrise. 

Politiker geben das Stichwort in der Flüchtlingsdebatte. Interessensorganisationen kommentieren, idealerweise kommen auch die Betroffenen zu Wort. Die Sozialwissenschaften haben die wichtige Aufgabe, Entwicklungen, Positionen und politische Entscheidungen auf der Grundlage von Forschungsergebnissen einzuschätzen. So kann zum Beispiel gezeigt werden, dass die momentane Situation von Massenflucht und die Diskussionen um die Integration von Flüchtlingen gar nicht neu ist und die Geschichte durchaus Lösungsansätze für die gegenwärtige Krise bereithält. Während der Integration von ehemaligen Flüchtlingen – seien es die Heimatvertriebenen, die Asylsuchenden aus dem Ostblock oder aus dem ehemaligen Jugoslawien – wurden damals die gleichen Sorgen und Bedenken geäußert wie heute, nämlich dass ihre Integration nicht zu schaffen sei. Tatsächlich sind viele dieser ehemaligen Flüchtlinge heute vorbildlich integriert.

Die Geschichtswissenschaft gibt uns also Perspektive, aber auch tatsächliche Vorbilder. Nach dem Ende des Vietnamkriegs löste man eine massive humanitäre Vertreibungskrise, indem mehr als Millionen Flüchtlinge durch verschiedene Programme wie den Comprehensive Plan of Action (CPA) in über 70 Ländern weltweit aufgenommen wurden. Solche und viele andere historische Beispiele, wie Flüchtlingskrisen mal besser und mal schlechter begegnet wurde, können bei genauer Analyse als Modelle aber auch als Hinweise auf mögliche Probleme gegenwärtiger Herausforderungen des Flüchtlingsschutzes dienen.

Dazu kommt, dass Wissenschaftler Gesetze und Regelungen sozial, politisch und juristisch einordnen können. So zeigen beispielsweise Forschungen zu sogenannten sicheren Herkunftsländern, dass in Bosnien-Herzegowina – welches die Bundesregierung im letzten Jahr als sicheres Herkunftsland einstufte – Roma und Juden nach wie vor massiv diskriminiert werden. Durch Kontextualisierung wird zudem deutlich, dass innerhalb der EU große Uneinigkeit darüber herrscht, ob die Einstufung von Herkunftsländern als sicher überhaupt Sinn macht, und welche Länder als sicher gelten könnten. Vermeintlich einfache Lösungen in der Asylpolitik werden durch Flüchtlingsforschung mithin immer wieder als Mythen entlarvt.

Viele Forschende sind froh, auf Grundlage ihrer oft jahrelangen Arbeit die öffentliche Debatte korrigieren und bereichern zu können. Denn wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse sind in der momentan hitzigen Diskussion wichtiger denn je.

Forschung braucht Zeit und Ressourcen

Seit Langem werden Forschungsprojekte durchgeführt, die sich mit vielfältigen Aspekten der Flüchtlingspolitik beschäftigen. Die Bandbreite der Themen ist groß und reicht von Flüchtlingsprotesten und ehrenamtlicher Unterstützung von Flüchtlingen über sexuelle Gewalt in Flüchtlingslagern, klimabedingter Flucht bis hin zu unterschiedlichen Integrationsmechanismen und der Koordination von Asylpolitiken zwischen den EU-Mitgliedsstaaten – um nur einige aktuelle Forschungsthemen zu nennen. Das vor rund zweieinhalb Jahren gegründete und ehrenamtlich betriebene Netzwerk Flüchtlingsforschung versammelt bereits rund 100 Forschende, die sich mit dem Themenkomplex beschäftigen. Das Netzwerk fungiert als eine Plattform für Austausch über Projekte und Konzepte, bietet Raum für thematische Kooperationen und legt damit den Grundstein für ein interdisziplinäres Feld der Flüchtlingsforschung.

Forderungen, dass die Wissenschaft stärker auf aktuelle Entwicklungen eingehen solle, müssen jedoch im Zusammenhang mit den bürokratischen universitären Strukturen gesehen werde. Forschungsprojekte entstehen nicht über Nacht, auch nicht über einen (Krisen-)Sommer, sondern florieren schrittweise auch durch den Austausch und sich gegenseitig befruchtende interdisziplinäre Perspektiven. Sie sind von langer Hand geplant und haben mit der Antragstellung, Einstellung von Mitarbeitern, Datenerhebung und -auswertung sowie Erstellung von Artikeln eine oft mehrjährige Vorlaufzeit. Damit die Wissenschaft schneller auf aktuelle Entwicklungen reagieren kann, bedarf es einerseits flexibler Möglichkeiten zur Projektförderung, damit unterschiedliche Projekte zum aktuellen Thema initiiert und durchgeführt werden können. Daneben muss die Flüchtlingsforschung andererseits auch strukturell etabliert werden, um Themen langfristig zu bearbeiten sowie Ergebnisse und Konzepte nachhaltig zu nutzen und entwickeln zu können.

Seit Jahren wird zu den Fluchtursachen und ihrer Bekämpfung geforscht

Die Forderung von Kollegen nach mehr wissenschaftlichen Stimmen in der aktuellen Debatte geht also an der Realität vorbei. Das Problem in Deutschland liegt nicht an mangelndem Potential oder Interesse, sondern daran, dass die Flüchtlingsforschung bislang nicht strukturell gefördert wurde. Mit der einsetzenden Flüchtlingskrise vergeben Stiftungen zwar inzwischen kurzfristig wichtige Projektgelder zu aktuellen Herausforderungen. Gefragt sind aber zudem die großen Wissenschaftsförderer der Bundesregierung, der Länder und der Forschungsgemeinschaften, um mit festen Stellen und Lehrstühlen an den Hochschulen eine strukturelle Verankerung und nachhaltige Flüchtlingsforschung in Lehre und Wissenschaft zu ermöglichen. Somit könnten mittelfristig auch eigene Institute der Flüchtlingsforschung etabliert werden, die die Grundlagenforschung mit praktischer Relevanz im Flüchtlingsschutz verbinden.

Mit Blick nach England zeigt sich, wie eine institutionalisierte Flüchtlingsforschung funktionieren kann. Das Refugee Studies Centre der Universität Oxford produziert seit 30 Jahren nicht nur profunde wissenschaftliche Erkenntnisse in dem Bereich, sondern bündelt auch Kompetenzen, Kapazitäten und institutionelles Wissen. In Verbindung mit ähnlichen Forschungszentren weltweit trägt dies seit Jahren zur Flüchtlings- und Asylpolitik sowie dem praktischen Flüchtlingsschutz bei. International wird eine ebenso etablierte Flüchtlingsforschung aus Deutschland als wissenschaftlicher Kooperationspartner schon lange vermisst.

Wissenschaftler finden kein Gehör bei der Politik

So wird in der Flüchtlingsforschung bereits seit vielen Jahren zu den Fluchtursachen und ihrer Bekämpfung geforscht. Die Ergebnisse dieser Forschungen sind um einiges vielseitiger und komplexer als die momentane Flüchtlingspolitik uns weismachen will: so gibt es beispielsweise zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass eine verschärfte Asylpolitik wenig Einfluss darauf hat, ob Flüchtlinge in ein bestimmtes Zielland kommen. Ob jemand nach Deutschland (oder zum Beispiel Großbritannien) flieht oder in ein anderes EU-Land, hängt nicht davon ab, wie abschreckend (oder anziehend) die Asylpolitik in diesem Land ist. Hier spielen ganz andere Faktoren eine Rolle, allen voran die Situation im Herkunftsland und die Frage, ob im Zielland bereits Verwandte oder Bekannte leben. Anhand dieses Beispiels wird deutlich, dass die deutsche Politik der Abschreckung nicht lösungsorientiert ist, da geflüchtete Menschen nicht wegen der Sozialleistungen oder vermeintlich liberaler Politik nach Deutschland kommen. Das Beispiel zeigt auch, dass Flüchtlingsforschung über die tagesaktuellen Themen der Flüchtlingspolitik hinausgehen muss. Sie muss eben nicht darauf Rücksicht nehmen, was momentan scheinbar aktuell und relevant ist, sondern Flüchtlingsthemen in ihrer ganzen Komplexität untersuchen können.  

Selbstverständlich kann Flüchtlingsforschung auch in ihrer Komplexität handlungsanleitend sein, wenn denn die Politik beratungsfähig und -willig ist. Indem Forschende Einschätzungen auf der Grundlage ihrer Untersuchungen bereitstellen, können sie in der flüchtlingspolitischen Debatte die Lücke zwischen staatlichen Interessen und Lobbygruppen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen füllen. Jedoch fragen bislang vornehmlich Kommunen und Zivilgesellschaft die Forschungsergebnisse nach. Auf Bundes- und europäischer Ebene, wo die großen Weichenstellungen für die Situationen von Flüchtlingen gestellt werden, findet die Flüchtlingsforschung nach wie vor kaum Gehör.