Initiationsriten. Jede Gesellschaft hat welche. Die Idee: aus Kindern Erwachsene machen. Das Prinzip: Prüfungen bestehen, die auf das Leben vorbereiten. Dazu verlassen die Halbwüchsigen den Stamm und begeben sich an einen mystischen Ort, dessen Name reicht, damit sich Kinderaugen weiten, Eltern seufzen und alte Männer wilde Geschichten erzählen. Die Halbwüchsigen bleiben dort so lange wie nötig und kehren als vollwertige Mitglieder in den Stamm zurück. Bei den Diné-Indianern, die zu den Navajo gehören, heißt dieser Ort Canyon de Chelly. Anangu-Aborigines gehen zu den Kata Tjuta. Junge Deutsche in die Wohngemeinschaft.

Ich habe acht Jahre lang in Wohngemeinschaften gelebt. Die Prüfungen? Dreierlei: Teilen von Besitztümern. Zusammenhalt bei Krisen. Gelassenheit bei Chaos im Inneren. Das mit dem Teilen ist die erste Prüfung. Immer. Weil du zu Hause im Kinderzimmer König bist, aber das weißt du da noch nicht. Du machst dein Abitur, kriegst einen Studienplatz in einer anderen Stadt, ziehst aus. Deine Mutter weint, dein Vater schaut dir ernst in die Augen, deine Freunde spielen Leaving on a jet plane auf der Abschiedsparty. Irgendjemand, mit dem du schon seit Jahren knutschen wolltest, knutscht mit dir. Du sagst: »Hey, ich gehe ja nicht für immer.« Und denkst: »Ich bin frei!« Dabei schleppst du dein Kinderzimmer mit. Äußerlich und innerlich.

Bei diesem ersten meiner Umzüge nahm ich mit: meinen Schreibtisch. Meinen Schreibtischstuhl. Mein Bett. Einen Küchentisch. Zwei Küchenstühle. Meine Regale aus massiver Buche. Den alten PC aus Familienbestand. Ein Werkzeugset. Zwei Geschirrsets. Drei Kisten mit Kleidern. Drei Umzugskartons voller Bücher.

Am Anfang hatte ich in Hamburg eine Wohnung ganz für mich allein. Laminatfußboden, großzügig geschnitten, ein Zimmer ging nach Norden, eins nach Süden – für 300 Euro. Ich stellte meine Kisten rein und ging auf Partys. Ich gab Geld aus, bis ich keines mehr hatte – und dringend einen Mitbewohner brauchte.

Das Telefon klingelt. Ich hebe ab. »Ja?« – »Hallo, Carolin hier. Ich rufe wegen dem Zimmer an. Ist es noch frei?« Dunkle Stimme, etwas rauchig. »Natürlich.« – »Könnte ich übermorgen vorbeikommen.« – »Gerne. Nachmittags? Um drei?«

Carolin ist schlank, sie hat braunes Haar und Grübchen, eine Kunststudentin aus Münster. Wir schlendern gemeinsam durch die Wohnung. Südzimmer, Nordzimmer. »Welches wäre meines?« Sie blickt mich an. Ich blicke zurück. Soll ich ihr das südliche geben? Als Gentleman?