Hilfe zahlt sich aus – Seite 1

Ich will laut Musik spielen. /Ich will mich zurückziehen./ Mama, ich will mein eigenes Zimmer. /Das ist mein Traum für immer.« Antonia grinst. Genau das wollte die 14-Jährige schon immer mal laut sagen, traute es sich aber nie. Bis Gregor Zocher in ihre Klasse an der Erfurter Förderschule für Schüler mit körperlichen Behinderungen kam. Der 23-jährige Student hatte ein Keyboard unter dem Arm, einen schlichten Hip-Hop-Beat in den Fingern und echtes Interesse an Antonia und ihren Mitschülern.

Zwei Tage lang hörte er zu, wollte wissen, was die Jugendlichen bewegt, was sie fühlen und was sie sich wünschen. Daraus wurde zuerst ein Text und dann ein Song. »Mit Musik kann man Dinge nach außen tragen und Wünsche stark machen«, sagt Zocher. Er durfte sich aber nicht nur über Antonias Lächeln freuen – sondern auch über Credit Points, die er für seinen gemeinnützigen Einsatz bekam.

Gregor Zocher studiert an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg Soziologie und Erziehungswissenschaften. Im vergangenen Semester belegte er das Seminar »Engagiert.Studiert«, in dem Studenten ihr Wissen in einem gemeinnützigen Projekt anwenden können. Seit vier Jahren bietet die Universität diese Lehrveranstaltung an – und setzt damit auf das sogenannte Service Learning. Bei dieser Lehrmethode aus den USA geht es darum, die an der Universität erlernte Theorie gemeinnützig in der Praxis umzusetzen und die Erfahrungen anschließend gemeinsam mit den Dozenten und den Kommilitonen zu diskutieren.

Navis für Blinde, Klageschriften fürs Tierheim

Bei Gregor Zocher lief das so: In seinem Bachelorstudium fehlten ihm noch Leistungspunkte aus dem Modul »Allgemeine Schlüsselqualifikation«. Er konnte zwischen verschiedenen Seminaren wählen: »Englisch für Erziehungswissenschaftler« zum Beispiel, »Rhetorik« – oder eben »Engagiert.Studiert«. Da er schon zuvor bei Theater- und Musikprojekten ehrenamtlich dabei war, fiel seine Entscheidung auf das Service Learning.

Der Ablauf dieser Kurse ist in Halle immer ähnlich. Zuerst stellt eine Freiwilligen-Agentur gemeinnützige Vereine und Institutionen vor, die gerne mit der Uni zusammenarbeiten möchten. »Manche haben konkrete Aufgaben, andere freuen sich über Projektideen der Studierenden«, sagt Holger Backhaus-Maul, Sozialwissenschaftler und Mitinitiator des Angebotes. Haben sich die Studenten für ein Projekt entschieden, folgt die akademische Einführung zu Themen wie Organisation, Projektleitung, Zeitmanagement und bürgerschaftliches Engagement. Dann kommt der Praxisteil, der etwa 60 der insgesamt 150 Stunden ausmacht. Dabei arbeiten die Studenten selbstständig, haben aber jederzeit die Möglichkeit, Rücksprache mit den Dozenten zu halten.

Im letzten Teil des Seminars werden die Erfahrungen besprochen, und die Studenten präsentieren ihre Ergebnisse. Dafür gibt es in Halle fünf Credit Points – genauso viele wie für die anderen Seminare zu Schlüsselqualifikation.

Neben Halle-Wittenberg bieten auch die Uni Duisburg-Essen sowie die Universitäten Augsburg, Erfurt, Lüneburg, Mannheim, Osnabrück, Saarbrücken und Würzburg regelmäßig Service-Learning-Seminare an – fächerübergreifend, aber auch fachspezifisch. Die praktischen Projekte sind ganz unterschiedlich. Informatikstudenten entwickeln Navigationssysteme für Blinde, Juristen formulieren Klageschriften von Tierheimen, Germanisten unterrichten Kinder von Migranten, Grundschulpädagogen organisieren Projektwochen, Physikstudenten überraschen Schüler mit Experimenten, angehende Bauingenieure und Architekten gestalten Spielplätze, Studenten der Wärmetechnik helfen Vereinen beim Energiesparen, Psychologiestudenten agieren als Mentoren, und BWLer prüfen die Kassen von Umweltorganisationen.

Das Erlebte wird im Seminar nachbereitet

Der Lerneffekt beim Service Learning sei sehr individuell, beobachtet Karsten Altenschmidt von Uniaktiv, dem Service-Learning-Zentrum an der Universität Duisburg-Essen, dem ersten, das es in Deutschland gab. »Jeder nimmt das mit, was er gerade braucht: Bei dem einen ist es die Selbstorganisation, bei dem anderen sind es Erfahrungen in der Teamzusammenarbeit.« Für die einen zählt vor allem der soziale Aspekt, bei anderen ist der Kontakt mit der beruflichen Praxis das Entscheidende.

So wie bei Sina Acker und Sabrina Fröhlich. Die beiden Medienwissenschaftsstudentinnen an der Uni Bochum entdeckten im Vorlesungsverzeichnis das Seminar »Öffentlichkeitsarbeit in Institutionen«, ein gemeinsames Angebot der Unis in Bochum und Duisburg-Essen. Von Service Learning hatte sie da noch nichts gehört. »Ehrlich gesagt, wussten wir vor dem Kurs noch gar nichts von dem sozialen Aspekt«, sagt Fröhlich. »Das Angebot klang aber interessant, vor allem die praktische Komponente.«

Der ZEIT Studienführer 2011 © ZEIT Studienführer

In der Uniaktiv-Datenbank, die 500 gemeinnützige Partner aus der Region mit Bedarf an studentischer Unterstützung listet, suchten Uni-Mitarbeiter einige passende für Fröhlich und Acker heraus. Sie entschieden sich für den Geopark Ruhrgebiet. Der Verein brauchte ein PR-Konzept für seine neue Wanderroute. Nach der Einführung zu Öffentlichkeitsarbeit und Organisationsmanagement an der Uni analysierten die beiden Studentinnen die Zielgruppe und die Kommunikationskanäle und entwickelten Strategien, um den Bekanntheitsgrad des Geoparks zu steigern. »Der Verein könnte Vorträge zu aktuellen Geschehnissen halten – zum Beispiel über Erdbeben. Sinnvoll wären auch ein Newsletter und ein Forum auf der Homepage«, sagt Sina Acker. Die Studentinnen entwickelten überdies einen Leitfaden, um die Vereinsmitglieder stärker einzubeziehen. Auf diese Weise sammelten sie Praxiserfahrung, die ihnen später beim Berufseinstieg einmal nützlich sein kann.

Praxiserfahrung bekommt man auch bei herkömmlichen Praktika. Doch im Vergleich zu einem normalen Praktikum hatte das Service Learning in den Augen der beiden Studentinnen mehrere Vorteile: Man arbeite selbstständiger, könne eigene Ideen stärker einbringen und mehr Verantwortung übernehmen, betonen sie. Beim Service Learning ist man außerdem nie völlig auf sich gestellt – es gibt immer die Möglichkeit, mit dem Dozenten über Ideen oder Schwierigkeiten zu sprechen. Weil anschließend im Seminar das Erlebte nachbereitet wird, muss man sich außerdem bewusster damit auseinandersetzen und lernt so oft mehr daraus – auch bei schlechten Erfahrungen.

Das Gefühl, mit ihrer Arbeit Gutes zu tun, schätzen auch Studenten, die in erster Linie der Praxiserfahrung wegen beim Service Learning mitmachen. »Im Nachhinein war der Non-Profit-Gedanke dann schon sehr motivierend«, sagt Sina Acker. »Denn wenn man für seinen Einsatz schon wenig oder nichts bekommt, wie es ja auch bei Praktika häufig der Fall ist, ist es viel schöner, für einen guten Zweck zu arbeiten.«

Edelmut trifft Eigennutz

Service Learning setzt einerseits auf den Wunsch der Studenten zu helfen, andererseits aber darauf, dass sie Credit Points haben wollen. Edelmut trifft Eigennutz. Ein Widerspruch muss das nicht sein, eher eine Ergänzung. Denn bisher scheitert das Engagement von Studenten meist nicht an sozialem Desinteresse oder mangelnder Hilfsbereitschaft. Es sind eher praktische Fragen, die viele hindern loszulegen: keine Zeit, das Gefühl, wegen des verplanten Bachelorstudiums nichts Zusätzliches machen zu können, kein Anstoß, wirklich loszulegen, kein Ansatz, wo genau man etwas tun könnte. Diese Probleme schafft das Service Learning mit einem Schlag aus der Welt: Denn für die Credits im Studium muss man so oder so Zeit investieren, und praktische Hilfe gibt’s obendrein. Die Schwelle, sich zu engagieren, wird dadurch niedriger. Wenn sie aber erst mal angefangen haben und die Erfolge ihrer Projekte sehen, wollen manche Studenten gar nicht mehr aufhören.

Gregor Zocher jedenfalls will auch nach dem Semesterende mit seinem Hip-Hop-Projekt weitermachen, außerhalb der Universität – dann eben ohne Leistungspunkte.