Unterwegs mit einer Studentin

Eigentlich mag Leonie Hammans Stoffe. Manchmal aber ist sie den ganzen Tag damit beschäftigt, sie zu zerstören. Dann steht die 23-Jährige im weißen Kittel im Labor. Sie spannt die Textilien in Maschinen ein, die daran zerren, bis sie zerreißen. Leonie quetscht, biegt und zerschneidet dicke, dunkle Vliesstoffe, malträtiert sie mit Schleifpapier, löst sie in Salzsäure auf, erhitzt sie stundenlang und verbrennt sie. Das ist kein Wutausbruch, sondern Wissenschaft. Sie will herausfinden, was der Stoff wirklich taugt – das ist eine ihrer Aufgaben als angehende Textilingenieurin.

Ihre Bachelorarbeit schreibt Leonie im Unternehmen

Leonie studiert Textiltechnik in der dualen Variante an der Hochschule Niederrhein. Das heißt, sie lernt auf dem Campus der Hochschule in Mönchengladbach und arbeitet gleichzeitig bei einem Partnerunternehmen. Wie Leonie absolvieren rund 95.000 Studenten in Deutschland ein duales Studium – meist in technischen und kaufmännischen, zunehmend auch in sozialen Bereichen.

In ihren ersten vier Semestern studierte Leonie an zwei Tagen pro Woche an der Hochschule, an drei Tagen arbeitete sie als Auszubildende bei Borgers, einem Unternehmen, das textile Bauteile für Autos herstellt. Nach zwei Jahren hatte sie die Ausbildung abgeschlossen. Im dritten Jahr studierte sie während des Semesters Vollzeit und arbeitete in den Semesterferien. Jetzt steht sie kurz vor ihrem Abschluss.

"Ich bin keine Theoretikerin", sagt sie, während sie durch eine Produktionshalle läuft. Mit ihren Kollegen entwickelt sie Bauteile wie Verkleidungen für den Kofferraum oder Dämmmaterial, um Autos leiser zu machen. Gabelstapler fahren umher, riesige Pressen bearbeiten zischend Stoffbahnen, Männer in blauen Overalls bedienen die Maschinen. "Mahlzeit", ruft Leonie ihnen zu.

Borgers hat seinen Hauptsitz im münsterländischen Bocholt nahe der Grenze zu den Niederlanden – und zwar seit 150 Jahren. Bereits damals lieferte man Textiles für den Fahrzeugbau: Man stattete Kutschen mit Polsterwatte aus. Mittlerweile beschäftigt die Borgers-Gruppe rund 7.000 Mitarbeiter in acht Ländern.

Unternehmen, die Stellen fürs duale Studium anbieten, entsprechen häufig diesem Muster: alteingesessener Familienbetrieb abseits der Metropolen, teils mit Niederlassungen in der ganzen Welt. Bestens bekannt in der Branche und der Region, ansonsten aber: ein Name, mit dem kaum ein Schüler oder Student etwas anzufangen weiß. Bei dualen Studienprogrammen mitzumachen und so frühzeitig akademischen Nachwuchs an sich zu binden ist für solche Mittelständler besonders attraktiv.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2016/17.

Leonie hat gerade angefangen, ein neues Produktionsverfahren für eine Hutablage zu erforschen. Das ist das Thema ihrer Bachelorarbeit, die sie im Unternehmen schreibt. Mehr als vier Jahre wird ihr Studium am Ende gedauert haben – länger als viele andere Bachelorprogramme. Dafür hat sie dann einiges vorzuweisen: eine abgeschlossene Ausbildung zur Textillaborantin, viele Monate Berufserfahrung und eben den Hochschulabschluss. "Außerdem gilt man als belastbar und erfahren, wenn man dual studiert hat", sagt sie.

Wenn ihre Abschlussarbeit fertig ist, wird Leonie noch mindestens drei Jahre für Borgers arbeiten. Dazu hat sie sich verpflichtet. Ein Problem sieht sie darin nicht, im Gegenteil: "Diese Sicherheit ist ja gerade das Gute an einem dualen Studium", sagt sie. "Andere müssen nach dem Bachelor anfangen, Bewerbungen zu schreiben. Ich weiß schon, dass ich hierbleiben kann."

Nachdem sie die ins Studium integrierte Ausbildung zur Textillaborantin beendet hatte, bekam Leonie einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Duale Studenten mit abgeschlossener Ausbildung bekommen bei Borgers rund 1.600 Euro im Monat. Im ersten Studienjahr verdienen die Dualen dort soviel wie Auszubildende im zweiten Lehrjahr.