"Dass euch das gleich klar ist: Wir machen hier kein Wischi-Waschi. Ich spreche Klartext, wenn mir eure Texte nicht gefallen." Die Schriftstellerin Herta Müller tritt ihre Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin an. Im Rahmen einer Literaturwerkstatt am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft bekommen zwanzig Nachwuchsautoren die Möglichkeit, ihre Texte mit Herta Müller zu diskutieren. Ich bin eine von ihnen. Mit selbst verfassten Kurzgeschichten und Gedichten haben wir uns um die Teilnahme beworben.

Jede Seminarsitzung ist einem der Nachwuchsautoren gewidmet. Mit zittriger Stimme tragen wir unsere Texte vor den Kommilitonen und der Dozentin vor. Darauf soll die konstruktive Analyse folgen, praxisbezogen und unakademisch. Oder wie Herta Müller sagt: "Theorien sind immer so belehrend. Mit Theorien kann man den Leuten das Richtige ausreden."

Ein Kommilitone liest die erste Geschichte vor. Eine Liebesgeschichte mit Dialogen, die aus Gute Zeiten, schlechte Zeiten stammen könnten: "Ich bin schwanger!" - "Oh Gott!" Die Banalität entrüstet Herta Müller. Sie säubert ihre Brille und sagt, den Blick starr auf die Tischplatte gewandt: "Ok, ich stelle hier mal klar: Geht raus auf die Straße und sprecht mit den Leuten. Ihr müsst etwas sehen, um schreiben zu können. Der Schriftsteller in der feuchten Stube ist doch Klischee."

Das Vorlesen ist der Moment höchster Verletzlichkeit, das ist allen klar. Die Kommilitonen zeigen sich scheu und kritisieren sich gegenseitig sehr maßvoll: Stets erwähnen sie das Gute zuerst, dann erst das Schlechte. Wenn sie überhaupt etwas Negatives sagen.

Herta Müller teilt aus, gibt den Dieter Bohlen des Literaturseminars: "Hast du darüber mal nachgedacht, bevor du uns das zumutest?", "Du bedienst alle Klischees!" Wir bekommen so ziemlich alles zu hören, was wir eigentlich lieber nicht hören möchten.

Müller lobt nur eine Studentin. Die hat schon den Klagenfurter Literaturkurs besucht und liest eine eindringliche Geschichte über das Verhältnis einer Studentin mit ihrem Professor vor.

Die Botschaft der Schriftstellerin an die 19 anderen ist unmissverständlich: "Ich komme gerade von der Uni Leipzig, wo man Diplom-Schriftsteller werden kann. Dort gibt es Talente." Schweigen im Seminarraum. Doch die Dozentin hat eine genaue Vorstellung davon, wie sie uns Wissen und Kunstgefühl vermitteln will: "Ihr werdet euch jetzt im Seminar gegenseitig kritisieren. Ich will nicht, dass ihr euch erst auf dem Weg zur U-Bahn die Wahrheit sagt", droht sie.

Wir fühlen uns wie Aspiranten einer Talentshow, die sie mit verbalen Rundumschlägen das Fürchten lehrt: Entweder ihr liefert Qualität oder ihr tut Buße. Das ist die Botschaft, die bei uns ankommt.

Einige Wochen später: Selbstbewusst und mit Witz in der Stimme trägt eine Studentin eine Art Gaunerkomödie vor. Im Seminar macht sich Entspannung breit. Alle scheinen zu denken: "Das muss doch auch Herta Müller gefallen." Doch die schaut mürrisch wie immer, setzt langsam zum Reden an und bemüht sich zunächst noch um Wohlwollen.

Dann macht sie eine Pause und sagt: "Das ist wirklich schlimm. Und so etwas schreibst du gerne?" Die fröhliche Studentin hört zu. Es scheint, als protokolliere sie jedes Wort Müllers in ihrem Gedächtnis. Doch plötzlich rollen ihr Tränen über das Gesicht. Aus ihrem stillen Weinen wird Schluchzen. Wie in Trance packt sie ihre Sachen zusammen und verlässt den Raum.