Bei den Studentenprotesten in Österreich spielten die diversen Plattformen des Web 2.0 von Beginn an eine große Rolle. Doch in Deutschland kommt die Social Media-Nutzung auch nach der Woche des großen "Bildungsstreiks" nicht so recht ins Rollen. Was ist der Status Quo? Eine der wichtigsten Informationsplattformen derzeit ist eine Karte der bestreikten, besetzten oder geräumten Universitäten. Der Wiener Student Tom Schaffer sammelt dort seit Anfang November Informationen über Protestaktionen, ergänzt um die wichtigsten Links zu den einzelnen Unis sowie zu Homepages, Livestreams, Facebook- oder StudiVZ-Seiten und Twitter-Profilen.

Die Karte hat mittlerweile etwa 1,2 Millionen Zugriffe zu verzeichnen, täglich kommen etwa 60.000 hinzu, sagt Schaffer. Ein Reichweitenerfolg ist das Angebot wohl vor allem, weil es den Protest-Fortschritt so anschaulich macht: ein rasch wachsender Wald aus digitalen Stecknadeln kennzeichnet die Streikorte.

Auffällig am Protest ist die große Zahl der audiovisuellen Inhalte, dies unterscheidet die aktuellen Proteste von früheren. Livestreams sind mittlerweile ein Kernelemente im digitalen Streikgeschehen. Durch Videosharing über Dienste wie UStream oder Qik übertragen die Studenten die mal hitzigen, mal langweiligen Diskussionen und Abstimmungen aus den Hörsälen. Dennoch fehlt bisher ein echtes Video-Portal ebenso wie ein regelmäßiges Reportageformat, das die Hauptereignisse eines Streiktages zusammenfasst.

Der direkte Zugriff auf die medialen Produktionsmittel ist die wohl wichtigste Innovation der laufenden Proteste, schließlich ist ein Ziel immer auch die Erregung medialer Aufmerksamkeit. Im Web 2.0 ist dieses Protestziel von vornherein realisiert. Vorausgesetzt, die Online-Informationen sind gut auffindbar und die Hochschule blockiert nicht den Zugang ins Internet.

Doch gerade an der Auffindbarkeit scheitern die über zahlreiche Standorte zersplitterten Hochschulproteste allzu oft. Viele der Besetzungen, Demonstrationen oder Hörsaalräumungen bleiben lediglich für ein lokales Publikum sichtbar, da sie nur Episoden in einem unübersichtlichen Empörungsdurcheinander sind. Selbst die noch vergleichsweise überschaubare Protestlandschaft in Österreich wird durch zentrale Seiten zusammengehalten: unibrennt.at und das auf die Dokumentation von Videomaterial spezialisierte Angebot unibrennt.tv integrieren die vielen Aktionen in ganz ähnlicher Weise wie die Google-Landkarte.

Für Deutschland fehlen solche Dienste bislang. Die vom AStA der Frankfurter Universität verantwortete Seite bildungsstreik.net erfüllt diese Aufgabe nur notdürftig. Für Tom Schaffer ist eine zentrale Anlaufstelle aber ein wichtiges Kriterium für den erfolgreichen Protest im Netz: "Ich glaube, dass Österreich und Deutschland sich abgesehen von einer guten, zentralen Social Media-Plattform in der Nutzung nicht wesentlich unterscheiden. Allerdings macht genau das einen merkbaren Unterschied aus."

In Wien hatten die Studenten schnell die Weichen für eine adäquate Präsenz im Web 2.0 gestellt, auch durch das große Engagement einzelner. Und natürlich ist die Koordination der wenigen Streik-Standorte in Österreich einfacher als in der unübersichtlichen deutschen Hochschullandschaft.